Autograf: ehemals Privatbesitz Dr. Ernst Hauptmann in Kassel, vermutlich 1943 Kriegsverlust
Druck: Moritz Hauptmann, Briefe von Moritz Hauptmann, Kantor und Musikdirektor an der Thomasschule zu Leipzig an Ludwig Spohr und Andere, hrsg. v. Ferdinand Hiller, Leipzig 1876, S. 50f. (teilweise)

Leipzig, den 19. Nov. 1858.

[…] Haben Sie tausend Dank für die freundliche Gewährung meiner Bitte um ein Albumblatt für Frl. Moscheles. Ich habe'Ihnen nicht sogleich geantwortet, weil ich Ihnen den Dank der so gütig Bedachten mitbringen wollte. Die Abgabe des Albums hat sich aber immer noch verzögert dadurch, daß meine Frau das Portrait einer Freundin in dasselbe zeichnet; ich wollte aber nicht länger mit meinem Danke warten, den für Frl. Moscheles bring‘ ich nach.
Daß Sie mit Ihrer Gegenwart nicht immer ganz zufrieden sind kann ich nicht billigen. Wer so viel Herrliches geschaffen, so wirksam das Edelste seiner Kunst gefördert hat, der kann und muß sich seines gelebten Gebens freuen bis in die spätesten Tage, und sind denn die meisten Ihrer schönen Schöpfungen nicht noch ganz in vollem Leben und in der Gegenwart noch so anerkannt und beliebt, wie sie es als neuentstandene waren: Ihr Faust, Ihre Jessonda, die Symphonien, die Concerte und so vieles Andere? Wenn wir diese Sachen heut hören, so ist uns immer der ganze Spohr mit seiner vollen Kraft und Vollendung gegenwärtig, den wir uns nicht vorstellen können als einen, der jetzt nicht befriedigt sein will. Betrübend kann ich's mir denken, wenn ein Künstler sich überlebt, daß in seinen späteren Jahren nicht mehr nach ihm gefragt wird: so ging es dem armen Fr. Schneider, der eine Zeit lang sehr gefeiert war, dessen Weltgericht zur Zeit der aufkommenden Musikfeste eine ungeheure Aufnahme fand und den höchsten Sachen gleichgestellt wurde. Diese Ueberschätzung hat sich mit baldiger Vergessenheit ausgeglichen. Keines der späteren Oratorien Schneider's, deren er noch so viele geschrieben hat, konnte sich eine Stellung gewinnen, sie gingen nur eben vorüber, man kennt sie kaum dem Namen nach, es war eine Art Oratorienfabrik geworden und solches Gut hat keine Kunstbedeutung.
Schneider schickte mir oft ganze Stöße Kirchenstücke, mit dem Wunsche, daß etwas davon hier aufgeführt werde. Sie waren durchaus recht praktisch und wenn ich ihn frug, warum er sie nicht drucken ließe, antwortete er, es wolle kein Verleger etwas davon, auch nicht umsonst! Dazu in einer kleinen Stadt1 leben, ohne geistigen Verkehr, das kann wohl herabstimmen, unter solchen Umständen ist's erklärlich — unter andern, unter ganz entgegengesetzten lassen wir's nicht gelten!

Autor(en): Hauptmann, Moritz
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Moscheles, Clara
Schneider, Friedrich
Erwähnte Kompositionen: Schneider, Friedrich : Das Weltgericht
Spohr, Louis : Faust
Spohr, Louis : Jessonda
Erwähnte Orte: Dessau
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1858111933

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Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Hauptmann an Spohr, 06.11.1858. Der nächste überlieferte Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Hauptmann, Dezember 1858.

[1] Im Falle Schneiders Dessau.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (15.03.2017).