Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Memmingen den 4t September
1858.

Hochzuverehrender Herr
Capellmeister und theuerer Lehrer!

Mißgeschick in einer förmlichen Kette hat mich bis jetzt die nöthige Ruhe nicht finden lassen, um eine längst verfallene(???) Schuld meines Dankes abztragen. Der lange Zeitraum vom Datum Ihres letzten Schreibens den 23 März 1856 bis heute enthält für mich einen großen Lebensabschnitt. Mir drohte der Verlust eines sehr talentvollen Kindes und ich habe die Schrecknisse einer Krankheit, der Halsbräune1, an welcher dasselbe erkrankt war, mitfühlen müssen. In Folge unausgesetzten Wachens bei Tag und Nacht erkrankte meine Frau2 an der Gehirnentzündung, und ich mußte auch diesen Gefühlszustand, nachdem das Kind gerettet, kennen lernen. Zu diesem Unheil gesellte sich ein namhafter Vermögenslust3 den ich nicht so leicht auszugleichen im Stande war, da ich in Folge der Consequenzen des Jahres 18284 auf die Liste des unloyalen politischen Verhaltens gesetzt wurde. Das ist nunmehr überstanden, und in diesem Augenblicke bin ich Kgl. Bezirksgerichtssecretair dahier, und somit in eine Thätigkeit versetzt die mir nach ihrer Trockenheit – Jurisprudenz – in mehrem Sinne des Wortes zuwider ist. Da Sie bemessen können, daß dieß nicht der rechte Platz für mich nach der angedeuteten Neigung seyn kann, so will ich Ihnen in Länge den Weg andeuten, wie ich dahin gekommen. Wie ich von HessenCassel abgegangen, so suchte ich bei Herrn Capellmeister Grund in Meiningen noch einigen Unterricht in dessen Compositionen, und in diesen Zeitraum fallen meine Kämpfe mit meiner Familie, welche mich edlich zwangen, die gelehrte Laufbahn zu betreten. Nach einjährigem Unterricht in den vorbereitenden Fächern bezog ich die Universität Würzburg, studirte daselbst Philosophie u. nach zweijährigem Aufenthalt daselbst setzte ich dieses Studium in München während der Dauer von drei Jahren fort, und wurde nach einem mit Auszeichnung bestandenen Examen öffentlich graduirt. Allein in der ministeriellen Zeit Abels gelang es mir nicht, den Zutritt zum Lehramte an der Universtität zu erlangen, u ich war genöthigt, noch das sogenannte Brodstudium zu ergreifen; ich studirte Jurisprudenz während dreijähriger Dauer, bestand die vorschriftsmäßigen Prüfungen, und wurde am it Octob. v. J. nachdem ich 5 Jahre lang wegen politisch unloyalen Verhaltens zurückgesetzt war, hieher als Bezirksgerichtssecretair ernannt. So ist die am meisten mir widerliche Beschäftigung mein Beruf! Das alles läßt mich meine Musik u. all das Schöne u. Erhabene, was mit derselben verknüpft ist, nicht vergessen; u. dieser Neigung verdanke(???) ich(?) auch die Umgestattung jener Arbeiten, die ich Ihnen zu widmen beabsichtigte. Ich lege sie Ihnen wiederholt vor, und es würde mir eine große Freude bereiten, wenn Sie die Gewogenheit haben wollten, die Widmung derselben entgegen(?) zu wollen.
Bei dieser Gelegenheit zolle ich Ihnen wiederholt als Lehrer meinen Dank, u. wünschen will ich, daß ich Ihre Lehre in richtigem Verständniß mit meinem Mädchen einem Kinde von 6 Jahren, mit welchem ich bereits das Violinspiel begonnen, fortsetzen möge. Mir sollte die Laufbahn der Musik, auf welcher ich als Violinspieler bereits große Erfolge erzielt hatte, verschlossen seyn.
Mit ausgezeichneter Hochachtung

Ihr dankbarer Schüler Dr Reder.

Autor(en): Reder, Anton
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Abel, Karl August von
Reder, Barbara Sophia
Erwähnte Kompositionen:
Erwähnte Orte:
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1858090440

http://bit.ly/2ShkWnq

Spohr



Der letzte erschlossene Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Reder, 23.03.1856.

[1] Diphterie.

[2] Barbara Sophia Reder (vgl. „Getraute“, in: Würzburger Abendblatt 11 (1851), S. 346).

[3] Sic!

[4] Sic! Angesichts der späteren Erwähnung des „politisch unloyalen Verhaltens“ sicherlich gemeint: „1848“.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (04.02.2020).