Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.6 < Petsch 18580801>
Druck: Autographen aus allen Gebieten. Bücher aus der Goethe-Zeit. Aukton am 26. und 27. Mai 1964 (= Katalog Stargardt 567), Marburg 1964, S. 144 (teilweise)

Sr. Wohlgeboren
Herrn J.Ph. Petsch
per adresse: H.H. Joh. Goll
und Sohn
in
Frankfurt a/m


Cassel den 1sten August
1858.

Hochgeehrter Herr,

Als ich das Preisrichteramt oder, wie es in Ihrem Ausschreiben1 heißt, das des Sachverständigen übernahm, rechnete ich fest darauf, daß die einsendenden Komponisten sich streng an § 3. halten würden, der vorschreibt, daß sowohl die Partitur, wie auch die ausgeschriebenen Stimmen der sich bewerbenden Kompositionen eingesandt werden sollten. Das ist aber nicht geschehen, denn es fehlen bey allen 12 Kompositionen die ausgeschriebenen Stimmen. Nun getraue ich mir aber gar nicht zu, eine Komposition nach dem bloßen Lesen der Partitur mit Sicherheit beurtheilen zu können, um so weniger, da in Ihrem Ausschreiben, den Sachverständigen eine so große Ausdehnung Ihrer Befugniße gestattet ist, daß sie sogar, wenn sie eine ganz hervorragende, in jeder Beziehung meisterhafte Komposition vorfinden, ihr sämtliche Preise zuerkennen dürfen. Um ein solches Urtheil sicher fällen zu können, ist es durchaus nöthig daß man die Kompositionen nicht blos lese, sondern auch höre!
Sollten daher nicht noch nachträglich die Stimmen der 12 eingesendeten Kompositionen herbey zu schaffen seyn, so müßte ich bitten, mich von dem Amte eines Sachverständigen zu dispensiren, und die beyde andern Herren2 allein entscheiden zu lassen. Vielleicht besitzen sie die Übung und den Überblick bey dem bloßen Lesen der Partitur ein sicheres Urtheil über die Güte der Komposition zu fällen. Ich würde aber, wären die Stimmen noch herbeyzuschaffen, sämtliche 12 Kompositionen bey mir executiren lassen, da ich über einen guten Clarinettisten und die andren Quartettinstrumente zu verfügen habe, und erst dann mich getraun, ein zuverlässiges Urtheil zu fällen!
Noch muß ich auf einen Umstand aufmerksam machen, der mir aufgefallen ist. Mehrere der Herren Einsender haben auch bey ihren Arbeiten den § 2 nicht beachtet und Solopiecen für ihr Instrument geschrieben. Diese Kompositionen müßten, meiner Meinung nach, gleich von der Mitbewerbung ausgeschlossen werden.
Da nun die Entscheidung der Sachverständigen allerdings große Eile hat, da sie durch das Unwohlseyn des H. Kapellmeister Lachner ohnehin verzögert worden ist, so sehe ich Ihrer gefälligen Nachricht und Entscheidung entgegen, ob die ausgeschriebenen Stimmen noch herbeyzuschaffen sind, oder ob Sie mich von dem Amte eines Sachverständigen gefälligst dispensiren wollen und einen andern Künstler in meine Stelle wollen treten lassen, wozu ich Ihnen wenn es ein Künstler Ihrer Stadt seyn soll, Herrn Aloys Schmitt vorschlage.
Mit vorzüglicher Hochachtung

Ihr
ergebener
Louis Spohr.

Erwähnte Personen: Lachner, Vinzenz
Messer, Franz Joseph
Schmitt, Aloys
Erwähnte Kompositionen:
Erwähnte Orte:
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1858080118

http://bit.ly/2qOArrm

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Petsch an Spohr, 20.07.1858. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Petsch an Spohr, 03.09.1858.

[1] „Musikalische Preisaufgabe“, in: Neue Zeitschrift für Musik 46 (1857), S. 228; vgl. „Vermischtes“, in: ebd. 48 (1858), S. 47.

[2] Neben Vinzenz Lachner noch Franz Joseph Messer (vgl. „Musikalische Preisaufgabe“).

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (09.05.2017).