Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. Mus.ep. Spohr-Correspondenz 2,234

Verehrter Herr und Freund!

Die Gelegenheit, die sich mir durch Herrn Kammermusikus Tröstler, Direktor und Eigenthümer des hiesigen „Conservatoriums für Musik”, bietet, kann ich unmöglich vorbeistreichen lassen, ohne Ihnen wieder ein kleines Lebenszeichen von mir zu geben.
Wie steht es denn mit Ihrem früher projektirten Hieherkommen? Sollte sich dies mit Ihrer jetzigen Prager Reise1 nicht vereinigen lassen?
Eine bejahende Antwort hierauf wäre mir um so erwünschter, als ich am 1sten k.M. Dresden wieder verlasse, um nach München, meiner zweiten Heimath zu ziehen. Zwei Gründe sind es hauptsächlich, die mich nach vielem Ueberlegen zu diesem Schritte veranlassen:
1.) reicht mein Gehalt nicht hin, um hier anständig leben zu können, und zur Vergrößerung desselben ist trotz mehrseitigen guten Willenss hier wenig Ausicht, während das Leben im sogenannten Gulden-Lande2 unbedingt wohlfeiler ist, so daß ich in München ohne alles Andere damit ausreichen werde; und
2.) bekömmt meiner Frau und Tochter der hiesige Aufenthalt nicht gut, denn Beide, die bis jetzt vom Kränkeln gar nicht wußten, sind seit dem Winter immer unwohl. –
Die Aachener Geschichte ist zu Wasser geworden.3 Auf eine durch Ihre Güte veranlaßte Anmeldung schickte man mir den Entwurf zu einem Contract, dessen Punkte ich alle annahm, nur gegen einen protestirte ich, nemlich gegen die persönliche Leitung der sogenannten Lade-Musik. Dies scheint den dortigen Comité-Mitgliedern nicht getaugt zu haben, wozu noch der weitere Umstand kam, daß ich die an mich gerichtete Frage, „Welcher Confession ich angehöre?” dafür beantworten mußte, daß ich nicht katholisch bin, was vermuthlich deshalb genirt hat, weil man die Leitung des musikalischen Dienstes im dortigen Dom mit dieser Stelle verbinden will. – Alle die übrigen Punkte waren recht annehmbar, weshalb ich, wenn mein Protest berücksichtigt worden wäre, keinen Anstand genommen hätte, versuchsweise auf ein Jahr her zu gehen.
So aber hat es der Himmel nicht gewollt, und glücklicherweise wird es mir gar nicht schwer, mich darein zu fügen, denn so gern ich mir auch einen passenden, nicht zu lästigen Wirkungskreis wünsche, so habe ich doch nicht Lust, mich erniedrigen und zum Musikanten machen zu lassen. –
Indem ich Ihenn und Ihrer Frau Gemahlin ferneren freundlichen Andenken mich und die Meinigen bestens empfehle, wünsche ich Ihnen, wie immer, auch zum jetzigen Prager Aufenthalt alles Gute und Schöne, und verbleibe mit den bekannten Gesinnungen von ganzem Herzen

Ihr
Th. Täglichsbeck

Dresden, am 4ten Juli 1858.

Autor(en): Täglichsbeck, Thomas
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Täglichsbeck (Ehefrau von Thomas Täglichsbeck)
Täglichsbeck (Tochter von Thomas Täglichsbeck)
Tröstler, Friedrich
Erwähnte Kompositionen:
Erwähnte Orte: Aachen
Dresden
München
Prag
Erwähnte Institutionen: Konservatorium <Dresden>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1858070443

http://bit.ly/252S5Cv

Spohr



Der letzte Brief dieser Korrespondenz ist Täglichsbeck an Spohr, 11.03.1858. Dieser Brief scheint der späteste Brief dieser Korrespondenz zu sein.

[1] Reise nach Dresden, Prag, Alexandersbad und Würzburg (vgl. Marianne Spohr, Tagebucheinträge 01. - 07.07.1858; Louis Spohr, Louis Spohr’s Selbstbiographie, Bd. 2, Kassel und Göttingen 1861, S. 400-403).

[2] Vgl. Täglichsbeck an Spohr, 05.02.1854.

[3] Vgl. Spohr an Täglichsbeck, 09.03.1858. Die Stelle erhielt Franz Wüllner (vgl. „Aachen”, in: Rheinische Musikzeitung 9 (1858), S. 132).

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (20.05.2016).