Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Sondershausen, am
10. April 1858.

Mein hochverehrtester Gönner!

Gar sehr treibt es mich, Ihnen in diesen wenigen Zeilen aufs Neue meine Anhänglichkeit und ungetheilte Liebe zu versichern. Sie haben stets natürlich an mir gehandelt und unterließen es auch nicht in jener Zeit, als mir übelwollende Menschen zu Schaden, Ärger und Kummer zu bereiten suchten, mich so freundlich mit dem besten Rathe zu unterstützen. Dies that meinem Herzen gar sehr wohl und empfangen Sie dafür jetzt noch meinen herzlichsten Dank. Zu meiner größten Freude habe ich gelesen, daß Sie sich, mein hochverehrtester Herr, aus Ihren Berufsgeschäften still zutückgezogen haben. Wer so lange Zeit und segensreich in dem Gebiete der Kunst gewirkt, dem ist es wohl vergönnt und herzlich zu wünschen, den Abend eines gar sehr bewegten Lebens in vollkommenster Ruhe zu genißen – Auch bei uns hat sich die sogenannte Zukunftsmusik nun Bahn gebrochen und findet in unserm Capellmeister Stein einen eifrigen Vertreter; im Laufe dieses Winters hatten wir den Tannhäuser und Lohengrin.
Von Liszts Compositionen sind fast sämmtliche zur Aufführung gekommen, wobei derselbe mit seinem ganzen Gefolge einigemal persönlichen Antheil genommen.1 Ich2 will mich gern jedes Urtheils über die Bestrebungen dieser Herren enthalten und bin herzlich zufrieden, daß dabei nicht die classischen Werk3 unserer Meister vernachläßigt und mit jenen regelmäßig executirt werden. Von Ihnen, verehrter Meister, soll jetzt die Symphonie: „Göttliches und Irdisches neu einstudirt werden; für mich bleibt es aber immer der höchste Genuß, mit einem Ihrer Violinconzerte, die unübertroffen da stehen, hervorzutreten, was grundsätzlich alljährlich einmal geschieht. Ein Jahr ist auch allemal zur Einübung und gehörigen Auffassung von einem Ihrer Werk erforderlich – Was nun meinen Gesangunterricht an der Realschule betrifft4 über den ich Ihnen schon in einem frühern Brief Etwas mitzutheilen mir erlaubte, so kann ich auch in den letzten Jahren das Resultat desselben als ein günstiges bezeichnen. Meinem Grundsatze treu übe ich nur classische Sachen ein, namentlich arrangire ich viel aus den Oratorien unseres großen Händel für meinem Schülerkreis, der diese Stücke in wahrer Herzensfreude aufnimmt. Von Ihren mit gütigst vorgeschlagenen Psalmen habe ich den 130. und 8.5 einstudiert und den letzten beim Schlusse der Schule am vergangnen Weihnachtsfeste aufgeführt; später habe ich denselben in der Kirche einem größern Publikum vorgeführt, wo meine 140 Schüler mit wahrer Begeisterung sangen und einen gewiß bleibenden Eindruck auf die Zuhörer hervorbrachten. Den beigefügten, aus Ihrem Oratorium: „des Heilands letzte Stunden“ entnommenen Gesang habe ich bei unserm letzten Examen mit den Schülern der III. u. IV. Classe zu Gehör gebracht, weshalb Sie mich auch wegen des veränderten Textes gütigst entschuldigen wollen. Die Einübung desselben, mein hochverehrter Herr, hat viel Zeit gekostet, mehr als ich geglaubt; doch wurde ich auch durch eine gelungene Aufführung für alle Mühe vollkommen entschädigt; es wurde namentlich rein gesungen, was bei diesem Stücke etwas heißen will. Bei meinem Einüben benutze ich nur meine Geige, sie ist gewiß auch das sicherste und vollkommenste Instrument dazu, denn über Unterziehen und Detonieren habe ich bei öffentlichen Productionen noch nie zu klagen gehabt.
Und nun empfangen Sie schließlich die herzlichsten Wünsche für Ihr ferneres Wohlergehen und nochmals die Versicherung größter Verehrung, Liebe und Dankbarkeit von

Ihrem ergebensten Carl Haessler,
Oberlehrer.

Autor(en): Haessler, Carl
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Händel, Georg Friedrich
Liszt, Franz
Stein, Eduard
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Irdisches und Göttliches im Menschenleben
Spohr, Louis : Psalmen, op. 85
Wagner, Richard : Lohengrin
Wagner, Richard : Tannhäuser
Erwähnte Orte:
Erwähnte Institutionen: Hofkapelle <Sondershausen>
Hoftheater <Sondershausen>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1858041040

http://bit.ly/3hFRxON

Spohr



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Haessler an Spohr, 05.01.1856.

[1] Vgl. X., „Aus Sondershausen“, in: Neue Zeitschrift für Musik 47 (1857), S. 169f., hier S. 169.

[2] Hier gestrichen: „kan“.

[3] Sic!

[4] „betrifft“ über der Zeile eingefügt.

[5] Nr. 3 und 1 aus op. 85.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (27.07.2020).