Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.2 <18580402>

Breslau, Charfreitag, 2 April
1858.

Mein hochgeehrter Freund und Gönner!

Nachdem seit meinem, an Ihre Frau Gemahlin gerichteten Schreiben ein Vierteljahr verstrichen ist, lebe ich der frohen Hoffnung, daß diese Zeilen Sie in völliger Genesung treffen. Meinen Schreck und die herzlichste Theilnahme der Stadt Breslau an dem Sie betroffenen Unglück1 habe ich damals Ihrer Frau Gemahlin geschildert. Gott sei Dank, ich erhielt in einem sehr lieben Schreiben, für das ich noch nachträglich meinen besten Dank sage, die tröstlichsten Nachrichten. Nun aber drängt es mich, von Ihnen selbst zu hören, wie es Ihnen geht; erfüllen Sie doch, wo möglich bald meine ergebene Bitte. Unsere Wintersaison geht zu Ende; Musik hat es in Masse gegeben. Außer den vielen Sinfoniekonzerten, in welchen auch Ihre herrlichen Tonwerke oft vorkamen, gab es noch Extra-Aufführungen. So gab Mosevius neulich die sieben Schläfer von Löwe, ein Werk, das viel Hübsches, aber noch mehr Fades und Langweiliges enthält. Gestern führte Schnabel die Schöpfung in der Aula mit 300 Personen auf, ich dirigirte am Klavier und heute giebt man in der Bernhardinkirche den Tod Jesu von Graun, ein Gemisch von Ernst und Unfug; mit letzterem meine ich die altbackenen Coloratur-Arien. Ich begleite an der Orgel und habe mir dazu eine größere Einleitung komponirt, die ich vorher spielen werde. Ihr Schüler Landowski erfreute uns neulich durch den Vortrag Ihres köstlichen Konzertes (No 7) in E moll, das er sehr schön spielt. Zum ersten Feiertage soll im Theater Ihr Faust gegeben werden, auf den wir uns alle sehr freuen. Im Februar gab Jenny Lind im Theater 4 Konzerte bei doppelten Preisen und überfülltem Hause und gewährte sie uns wahre Hochgenüsse durch ihren kunstverständigen, meisterhaften Vortrag.2 Ihre Technik ist enorm, sie macht mit der Stimme, was eine Klarinette nur zu leisten im Stande ist. Ihr Pianissimo, die reine Intonation, Triller, chromatische Scala bis in das hohe Es und sofort zurück bis Es, zwei Octavene tiefer, die verminderten Septimenakkorde, durch die sie chromatisch geht, setzen in Erstaunen. Die Cavatine in g moll aus der Zauberflöte hat mir Thränen entlockt, so tief gefühlt wiedergegeben hörte ich sie nie. Ebenso die Arie: „Auf starkem Fittig“ aus der Schöpfung sang sie hinreißend. In einem Trio für Sopran und 2 Flöten aus dem Feldlager von Meyerbeer (als Komposition nicht viel werth) war sie die 3te Flöte, so etwas von Technik ist mir nie vorgekommen. Auch ihr Gatte, der Pianist O. Goldschmidt spielte die großen Konzertsachen mit Orchester sehr schön und solid. — Das wäre so das Bemerkenswertbeste unserer diesmaligen Saison.
Melden Sie nur recht bald wie es Ihnen geht und empfehlen Sie mich Ihrer Frau Gemahlin, sowie Ihren Verwandten und Bekannten auf das Herzlichste.

Wie immer
Ihr dankbarer Verehrer
Adolph Hesse



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Hesse an Spohr, 18.11.1857. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Hesse an Spohr, 05.12.1858.

[1] Spohr hatte sich den Arm gebrochen (vgl. „Kurhessen. Kassel, 28. Dec.”, in: Leipziger Zeitung (1857), S. 6483; „Cassel, den 28. December”, in: Neue Berliner Musikzeitung 12 (1858), S. 14; s.a. „Der alte Spohr in Kassel hat beim Ausgleiten auf einer Treppe den Arm gebrochen. Ein Liszt bricht höchstens einen Flügel” (Münchener Punsch 11 (1858), S. 16)). 

[2] Vgl. B.Th., „Breslau”, in: Rheinische Musik-Zeitung 9 (1858), S. 91f.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (04.05.2016).