Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.4 <Böhme 18580304>

Sr. Wohlgeb.
Herrn Musikdirektor F Böhme
in
Dordrecht.

franco.


Cassel den 4ten März 1858.

Mein lieber Herr Böhm,

Da die Ärzte mich nun vor der Hand aus Ihrer Aufsicht entlassen und von dem Armverband befreit haben, so muß ich Ihren1 2ten, so höchst theilnehmenden Brief an meine Schwägerin2 wohl selbst beantworten. Zuerst die Frage, die sich auf mein Befinden beziehen. Mit diesem geht es alle Tage besser und ich bringe auch die Nächte schon3 erträglich zu. Allein daß ich meinen zerbrochenen Arm zum Geigen werde wieder benutzen können, dazu ist noch sehr wenig Aussicht und so wird es wohl dabey bleiben müssen, daß dieser Unfall den Zeitpunkt in meinem Leben bestimmt, wo ich dem Kunstreiben für immer entsagen muß, es mag nun Geigen oder Komponiren seyn! Ich hatte mich schon ganz hierein gefunden, allein meine Frau4 wünschte zu sehr, ich mögte wenigstens noch im Stande seyn, mit ihr privatim zu Haus zu musiciren. Ich habe daher einen Versuch gewagt,5 aber es geht bis jetzt, so schlecht, daß ich es kaum werde ertragen können, auch wenn meine Frau selbst damit zufrieden wäre, so muß ich es aufgeben, denn ich kann bis jetzt nicht einmal in die höheren Lage mit dem Arm hinaufreichen und die frühere Gewandheit auf die ich mit meinen 73 Jahren, so soltz seyn konnte kehrt sicher nicht wieder und so wird es wohl das letzte Mal im Leben gewesen seyn, daß ich in den Weinachtstagen bey Frau v. Malsburg Quartett gespielt habe. Das Einzige, was mir an Kunstgenuß nun noch bleibt, ist das Anhören guter Musik. Dazu ist hier wenig Gelegenheit. Ich werde daher, da ich nun niemand mehr um Urlaub zu fragen habe, jedesmal wenn ich von einer interessanten Musikaufführung6 höre oder lese, wenn der Ort von hier aus zu erreichen ist, hinreisen und dabey sein, und werde damit schon in der Charwoche beginnen, wenn das Wetter nicht gar zu sehr noch kalt ist, indem ich einer Aufführung von meinem Oratorium „des Heilands letzte Stunden“ in Magdeburg und einer Aufführung von Mozarts Idomeneo in Dresden in Gesellschaft meiner Frau beywohnen werde.
So bald das Frühjahr weiter herangerükt ist, werde ich aber in meinem Saal Ihr Quartett zu welchem Sie mir in Ihrem Briefe das Program gaben, mir vorspielen lassen und dann sehen, wie es, ohne daß man den innern Zusammenhang zerstört, sich kürzen läßt. Ist dieß geschehen, so werde ich Ihnen wieder schreiben und Bericht darüber erstatten. Die Ouverture, die wir in dem 1sten Concert dieses Winters von Ihnen gaben war die 8te7 weil sie mir8 leichter vorkam, wie die 9te. Die andere wird aber auch noch gegeben werden.
Und so hätte ich denn alle Puncte in Ihrem Briefe beantwortet, und kann Ihnen nur noch für die herzliche Theilnahme danken, die aus allen Ihren Briefen spricht, und nun leben Sie wohl, bis wir uns wieder sehen, was hoffentlich nicht zu lange anstehen wird!
Mit herzlicher Freundschaft ganz

der Ihrige
Louis Spohr.

N.S. Was Ihre gefälligen Nachforschungen nach dem Professor Lühr betrifft, so bedauert unser hiesiger Vetter Lühr, daß Sie so viel Mühe damit gehabt, dankt Ihnen herzlich für Ihre Bereitwilligkeit, bittet aber, nun ferner davon abzustehen, da es von keinem besondern Werth für ihn sei, den Aufenthalt des Genannten zu erfahren.
Mit freundlichem Gruße von meiner Schwester und mir

ergebenst
Marianne Spohr
geb. Pfeiffer.



[1] „Ihren“ über der Zeile eingefügt.

[2] Caroline Pfeiffer.

[3] „schon“ über der Zeile eingefügt.

[4] „Frau“ über der Zeile eingefügt.

[5] „gewagt,“ über der Zeile eingefügt.

[6] „Musikaufführung“ über der Zeile eingefügt.

[7] „8“ über gestrichener „9“ eingefügt.

[8] „mir“ über der Zeile eingefügt.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (02.06.2020).