Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Dordrecht 14 Febr 1858.

Hochverehrter Herr General Musikdirector!

Zu meiner großen Freude und unter den obwaltenden Umständen auch zu meiner theilweisen Beruhigung erhielt ich von Ihrer Schwägerinn Fräulein Pfeiffer auf meine dringende Bitte einen mir in vieler Hinsicht lieben Brief, Ihren Zustand nach dem unglücklichlichen Falle beschreibend und Nachricht über All das Vorhergehende enthaltend.
Könnte ich Ihnen, lieber Herr General Musik Director nur sagen wie sehr Alles was Ihnen wiederfährt Wiederklang in meinem Herzen findet und wie gern ich an Allem was Ihnen Übles geschieht meinen Theil tragen möche! so sehe ich Sie deutlich mit dem verbundenen Arme vor mir, mit der Gedankenvollen Stirn und mit dem himmlisch guten Angesicht – manchmal vor Ungeduld über kommen, aber dann und am Meisten wieder so gut, so seelengut daß man’s mit Worten nicht auszusprechen vermag!
Daß Sie unter all den Umständen Ihre Ruhe bewahrt haben, ist der sicherste Beweis Ihrer großen Seele und ich habe die feste Überzeugung daß Sie deiselbe auch fortwährend bewahren werden. Sie haben so manche Stürme des Lebens ruhig überstanden, so daß wohl solche Vorgänge ohne längeren als augenblicklichen Einfluß auf Sie sein können.
Kürzlich war Hr. Proff. Pott aus Oldenburg hier. Er traf es gerade daß ich mit meinem Liebhaber Orchester eine Rept.1 hielt. Wir haben viel von Ihnen gesprochen u da er so große Theilnahme für Sie hochverehrter Herr General Musikdirector blikken ließ, habe ich ihn den Brief von Ihrer Fräulein Schwägerinn vorgelesen. Beinahe wäre ich selbst zu Ihnen geeilt, hätte ich nur die allernöthigste Zeit zur Reise erübrigen können. Allein ich bin gebunden und außerdem befand ich mich auch beinahe 3 Wochen recht unwohl.
Hoffentlich wird nun der Arm beinahe geheilt sein, wenn die Genesung ihre regelmäßigen Gang gefogt ist. Alle Ihre Verehrer werden wie Sie selbst u Ihre lieben Angehörigen sehr gespannt sein ob Sie den Arm zum Violinspiel wieder werden gebrauchen können. ich hoffe das Beßte und bei Ihrer so kräftigen Natur ist es wohl mit Gewißheit vorauszusehen, daß Sie wie früher die wunderbaren Zaubertöne Ihrer Violine entlocken werden!
Nun muß ich mich hinsichtlich meines früheren Schweigens nach meiner Zurückkunft aus Cassel u der Heimath entschuldigen. Es war als ob das Paradies hinter mir geschlossen sei u ich aufs neue des Lebens Lasten u Mühen zu tragen hätte. Und so war es auch. Deuten Sie sich das Abstumpfende meiner täglichen Beschäfftigungen! Nur der Gedanke „ich will mich nützlich machen“ ists der mich aufrecht hält. Freuden die das Leben verschönern, das Gemüth erheitern u die Arbeit erleichtern werden mir sehr sehr spärlich zugemessen u dann sind es solche die für mich keinen Werth haben. Doch was schreibe ich ü´ber mich – jetzt wo Sie geliebter theurer Mann leiden!
Mit algemeiner Betrübniß hat man Ihren Unfall in Holland vernommen. Von Ihren vielen wennglich Ihnen unbekannten Verehrern hier muß ich Ihnen viele freundliche Wünsche für Ihre Genesung senden; eben so sende ich Ihnen meine allerherzlichsten Wüsnche für Ihre baldige gänzliche Hochachtung u für Ihr von nun an ungetrübtes Wohl u Glück!
Mich Ihnen und Frau General Musikdirector dringend anempfehlend bin ich mit unwandelbarer Hochachtung und Ergebenheit
Ihr stets getreuer

F. Böhme.

Um einliegenden Brief gütigst zu besorgen
bittet F.B.

Autor(en): Böhme, Ferdinand
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Pfeiffer, Caroline
Pott, August
Erwähnte Kompositionen:
Erwähnte Orte: Dordrecht
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1858021440

http://bit.ly/3ofybEm

Spohr



Der letzte Brief dieser Korrespondenz ist Böhme an Spohr, 03.01.1858. Spohr beantwortete diesen Brief am 04.03.1858.

[1] Wohl Abk. f. „Repetition“, hier „Probe“.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (19.10.2020).