Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.2 <18571118>

Breslau 18 November
1857

Mein hochverehrter Freund und Gönner!

Von Ihrem Wohlbefinden vorigen Sommer und bis jetzt haben mich Berichte über Ihre Reise und kürzlich ein Brief, den Hr. Mus.Dir. Sobirey hierhergeschrieben, überzeugt; dieser Gedanke ist, wenn ich nicht bei Ihnen sein kann, stets ein tröstender, erhebender für mich. Hier hat es, seit ich Ihnen nicht geschrieben, Mancherlei gegeben. Von unseren Theaterverhältnissen haben Sie vielleicht gelesen.1 Es trat mit dem Ablauf der Pacht des vorigen Directors eine arge Krisis ein; das Haus wurde drei Tage geschlossen, und sah dies beinahe, wie ein Bankerott aus, während das Theater hier eine Goldgrube ist, trotz des Etats von einigen und 80 000 Thalern jährlich. Das Haus wurde von der Regierung geschlossen, weil einige der sich meldenden Directoren im Jahre 48 nicht streng-politische Gesinnungen gezeigt hatten, wie z. B. der Dichter Gottschall und der Director Görner. Da von dieser Krisis bis zum Antritt des neuen Directors eine Frist von einem Monate festgesetzt wurde, dadurch aber das ganze Personal in die ärgste Verlegenheit gekommen wäre, so gab die Regierung die Erlaubniß, daß die Mitglieder der Bühne unter provisorischer Direction auf Theilung spielen dürften, wobei das Personal ganz brillante Geschäfte gemacht hat. Seit vorgestern ist der neue Director Hr. Schwemer angetreten; er hat 4 bis 6 reiche Leute hinter sich, die ein bedeutendes Kapital zusammenschossen, um das Theater als Kunstanstalt noch mehr zu heben. Die Kapelle trat als Ein Mann auf, und erklärte, wenn ihr Gehalt nicht verbessert würde, zu kündigen, und verlangte außerdem noch Konzessionen für die Sinfoniekonzerte. Da ein anderes Orchester nicht zu haben war, ging man wohl oder übel darauf ein. Schlimmer erging es dem Chore, er wollte doppelte Gage und wurde in Gnaden entlassen, so daß wir im Augenblicke ohne Opern sind, was sehr geldfressend für die Direktion ist, indem doch die hohen Gagen der Opernsänger fortgehen. Von unsern Sinfoniekonzerten der Theaterkapelle sind 8 gewesen. Am vorigen Donnerstage war Blechas Benefizkonzert; man gab diesmal die 9te Sinfonie von Beethoven mit starkem Personale unter meiner Leitung, nach sorgfältigen Proben; unter andern spielte auch der 22jährige Wieniawski, der hierher gekommen war, Mendelssohns Violinkonzert und eigne Sachen; er gab auch im Theater ein Konzert und dann noch eine Matinée im Musiksaale der Universität. Unter den neuen, modernen Geigern räume ich ihm den ersten Rang ein; er ist in der That ein zweiter Paganini. Seine riesige Technik, wahrhaft diabolische Kühnheit und Sicherheit, die reine Intonation, Schmelz und Weichheit des Tones, feinste Nuancirung ohne die Unarten vieler modernen Geiger, Staccato, Triller, Flageolet, alles in höchster Vollendung; dabei ist er ein begabter Komponist und seine Sachen sind sehr interessant; ich wünschte Sie, die Maiestät aller Geigen, hörten ihn einmal. Neulich wurde meine 6te Sinfonie im Konzerte sehr schön ausgeführt und nächstens nehmen wir Ihre Weihe der Töne wieder in Angriff; daß ich sie herstelle bis auf das Pünktchen über dem i, wie man zu sagen pflegt, können Sie wohl denken; die Kapelle spielt in feinster Nuancirung von Jahr zu Jahr schöner. Nächsten Sonntag gibt Mosevius in der Aula Cherubinis Requiem und eine Kantate2 von Bach. Schreiben Sie mir, mein hochverehrter Freund, wie es Ihnen, Ihrer Frau Gemahlin, allen Angehörigen und dem Kasseler Musiktreiben ergeht. Im vorigen Sommer war ich nicht verreist, außer 8 Tagen, die ich auf dem prächtigen Landgute3 des Pianoforte-Virtuosen und Komponisten A. Henselt aus Petersburg zubrachte und wo wir sehr viel musizirten. Spielen Sie wieder fleißig Quintetten auf Ihrer himmlischen Geige? ach könnte ich sie hören! Grüßen Sie Alle herzlich, auch Fr. von Malsburg, Hr. Sobirey etc. Es erwartet mit Sehnsucht ein Schreiben von Ihnen

Ihr treu ergebener dankbarer Verehrer
A. Hesse



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Hesse an Spohr, 03.04.1857. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Hesse an Spohr, 02.04.1858.

[1] Vgl. „Breslau”, in: Monatschrift für Theater und Musik 3 (1857), S. 498ff.; „Breslau”, in: Süddeutsche Musik-Zeitung 6 (1857), S. 175f.

[2] „Liebster Gott wann werd ich sterben” (vgl. [August] Jacob, „Meisterurtheil über Meisterwerke”, in: Euterpe 17 (1858), S. 15f.).

[3] In Gersdorf am Queis in der Nähe von Görlitz (vgl. Alk Pusch, „Adolph Henselts Rittergut in Gersdorf”, in: Adolph Henselt und der musikkulturelle Dialog zwischen dem westlichen und östlichen Europa im 19. Jahrhundert, hrsg. v. Lucian Schiwietz (= Edition IME I,14), Sinzig 2004, S. 117-139).

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (02.05.2016).