Hessisches Staatsarchiv Marburg (D-MGs), Sign. Best. 159 Nr. 2683 [Personalakte Henry Tivendell], nicht foliiert

Kurfürstliche General-Intendantur des Hoftheaters,

Das günstige Zeugniß1 von mir, welches Herr Tivendel2 seinem Schreiben beigelegt hat, bedarf einiger Worter der3 Erklärung von meiner Seite.
Es gab allerdings eine Zeit, wo es die volle Wahrheit enthielt, nämlich die, wo Herr T. meinen Unterricht verließ, und als Mitglied in‘s Orchester eintrat. Er besaß damals die gerühmten Eigenschaften. Unglücklicher Weise befiel ihn aber damals eine wahrhafte Leidenschaft Komponist werden zu wollen und sie tobte sich unter der Leitung des Herrn Kraushaar in einer ganzen Folge mißglückten Kompositionsversuchen aus, die sämtlich beweisen, daß es ihm dazu an Naturanlagen fehlt. Das schlimmste war, daß er darüber sein Violinspiel vernachlässigte und nach und nach immer mehr zurückkam, wie sein öffentliches Auftreten in unsern Abonnementsconcerten von Jahr zu Jahr immer mehr bewies. Der Umstand, daß er eine vorzügliche Geige, die ihm sein Vater für schweres Geld gekauft hatte, weggab, und eine gewöhnliche, die nur er allein für gut hielt spielte, trug nicht wenig dazu bey, daß seine Concertvorträge immer unbedeutender wurden und immer weniger gefielen. Er zeigte von jener Zeit an, auch sehr wenig Eifer im Orchesterdienst und seine Leistungen darin befriedigten, wie ich das besonders bei Zimmer- und Quartettproben zu bemerken Gelegenhei4 hatte, eben so wenig, wie bey Solovorträgen. Auch hat wohl nie ein Orchestermitglied, so viel Strafe für Versäumnisse notirt haben, deren er sich schuld machte. So konnten denn von da an, seine Leistungen wenig mehr befriedigen uns es thaten es ihm andre Orchestergeiger bald in Allem zuvor, so daß ich diese auch zu meinen Quartettparthien heranzog, bey denen er früher mitgewirkt hatte, worauf sich wohl auch die Stelle seines Brief‘s beziehen mag, worin er klagt, daß ich ihn nicht mehr so wie früher gewogen sey. Seine Selbstüberschätzung steigerte sich aber fast in dem selben Grade, wie er in seinen Leistungen zurückging, daher das große Mißverhältnis zwischen dem, was er wirklich leistet und dem, was er zu leisten sich einbildet, denn ich muß hier nochmals die Überzeugung aussprechen, daß er für das, was er als Orchestermitglied wirklich leistet, vollkommen genügend honorirt ist.
Anzeigen muß ich aber noch, daß er sich seit Anfang dieser Woche nicht mehr im Theater hat sehen lassen, und daher bereits factisch seine Stelle aufgegeben hat, weshalb wir, die Kapellmeister, darauf antragen müssen, daß sein Platz durch einen andern Geiger ersetzt werde.
Dieß ist es, was ich über die Eingabe des Herrn Tivendel ernstlich zu berichten habe, der ich verharre

Kurfürstlicher General-Intendantur
ergebenster
Louis Spohr

Autor(en): Spohr, Louis
Adressat(en): Hoftheater
Erwähnte Personen: Kraushaar, Otto
Tivendell, Henry
Erwähnte Kompositionen:
Erwähnte Orte: Kassel
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1857100213

http://bit.ly/2mTxUdJ

Spohr



Das Datum dieses Briefs ergibt sich aus einer Datierung von fremder Hand: „pres. 10/2 57.“

[1] Zeugnis von Spohr für Tivendell, 30.08.1844.

[2] Das von anderer Hand mit „Pres. d. 8/2 57.“ datierte Schreiben Tivendells befindet sich ebenfalls in seiner Personalakte.

[3] „der“ über der Zeile eingefügt.

[4] „Gelegenheit“ über der Zeile eingefügt.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (07.03.2017).