Autograf: Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg Frankfurt am Main (D-F), Sign. Mus. Autogr. A. Schmitt A 169

Hochverehrter Freund!

Weiß ich mich doch keiner Zeit zu erinnern, wo ich mit größerer Freude ein Ereigniß zu melden gehabt habe, als heute.
Gestern Abend wurde ich Faust hier im Theater gegeben, und machte eine Wirkung auf das von unten bis oben hin überfüllte Haus, die mich hoch begeisterte. Fast jede Nummer wurde mit allgemeinem Beifallssturme aufgenommen, und die Sänger ofters(?) - in Mitten der Vorstellung gerufen.1
Einen solchen begeisterten Eindruck machte Ihr Meisterwerk fast nie auf mich, wie gestern. Alle, auch die Meinen, sagten dasselbe.
In dieser tiefgesunkenen musikalischen Zeit, ist dieß ein Triumph, der mich ganz selig macht, denn fast wollte ich schon verzweifeln. Dieß ist die beste, die einzige, schlagende Antwort, die man dem heutigen Modewesen geben kann. Nun ist der Anfang – hier wenigstens – dazu gemacht: daß wieder das Gediegene u. Classische an die Tagesordnung kommt, und wird wenn auch von Anderen in diesem Sinne gehandelt, so denke ich, ist die Zeit bald um und hiter uns, in der das Flache u. Seichte alles beherrschte, u. dem Tüchtigen den Weg versperrte – u. fast unmöglich machte, aufzu kommen.
Da nun Alles ein Recht auf Leben hat, u. auch das Moderne, so habe ich – für meine Person – nichts dagegen: daß man von solcher Seite alles aufbietet, was man nur kann, um auch solchen Leistungen Eingang zu verschaffen; Aber da man so gefließenlicht alles zu drücken sucht und um jeden Preis – auch mit großen Geldopfern die Journalistik erkauft, das Classische als veraltet zu verdächtigen sucht, so ist nun Pflicht: zu handeln und dem Treiben eine Neues(???) entgegen zu setzen. Die Gestrige – wird – hoffe ich – von nicht unbedeutendem Erfolg sein. Ihre Jessonda – höre ich – soll auch nächstens aufgeführt werden. Es soll schon gesorgt werden, daß die Aufführung dieser Prachoper nicht zu lange auf sich warten läßt. Der Zweck meines heutigen sch[???] Schreibens ist hauptsächlich: Ihnen in meinem u. der Meinigen Namen aus tiefer Seele zu gratuliren – für diesen wohlverdienten Triumpf Ihres Meisterwerkes. Wie gesagt, es war alles hingerissen davon, jung u. alt, u. von unten bis oben. Das Orchester übertraf sich gestern, u. die Leute spielten mit so viel Lust u. Feuer, das mir das Herz in Liebe zitterte.
O welche Freude macht es mir, Ihnen dieß berichten zu können! Eine Bitte füge ich aber bei, nehmlich: gedenken Sie nun meiner Oper: „das Osterfest zu Paderborn“. Sie werden keine Unehre von dieser Oper haben, wenn Sie sie dort aufführen. Anbei folgenden Aufsatz, den ich Ihnen schon vor einigen Tagen schicken wollte. Meine Frau u. alle im Hause empfehlen sich Ihnen u. Ihrer verehrten Frau Gemalin, so wie ich.
Mit unaussprechlicher Verehrung u Anhänglichkeit

Ihr
treuergebener Dr. Aloys Schmitt.

N.S. Ihre gütige Antwort bitte ich Sie.
A.S.

Frankfurt den 7ten September
1857.

Erwähnte Personen:
Erwähnte Kompositionen: Schmitt, Aloys : Das Osterfest zu Paderborn
Spohr, Louis : Faust
Spohr, Louis : Jessonda
Erwähnte Orte: Frankfurt am Main
Erwähnte Institutionen: Stadttheater <Frankfurt am Main>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1857090745

http://bit.ly/2EZfrkF

Spohr



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Schmitt an Spohr, 12.08.1857. Spohrs Antwortbrief ist derzeit verschollen.

[1] Vgl. „Kunst-, Literatur- und Theater-Notizen“, in: Frankfurter Nachrichten. Extrabeilage zum Intelligenz-Blatt der freien Stadt Frankfurt (1857), S. 837ff., hier S. 838.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (18.04.2018).