Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. Mus.ep. Spohr-Correspondenz 2,178
Druck: [Ernst Rychnovsky], Beschreibendes Verzeichnis der Autographen-Sammlung Fritz Donebauer in Prag, 2. Aufl., Prag 1900, S. 249 (teilweise)

Hochverehrtester Freund!

Hat mich Ihr lieber Besuch doch ganz wieder erfrischt und neues Leben in mich gebracht! Beinahe hätte ich den Muth verloren in Betreff des jetzt herrschenden Modegeschmacks; und was das Schlimmste noch ist: daß die Oeffentlichkeit nämlich ganz im Dienste dieser Richtung ist und vom andern nichts wissen und annehmen und bekanntmachen will. Jenen Vormittag, wo wir die Ehre und das Vergnügen hatten, Sie bei uns zu sehen, beschrieb Herr Gollmick wirklich wunderschön, natürlich waren Sie als großer Mann und Künstler als Hauptmotiv vorne dran gestellt, um den sich alles übrige drehte, weshalb ich mich wegen der großen Pietät, die er vor Ihnen hat, recht nach Herzenslust gefreut habe, denn heutzutage ist das Wort „Pietät“ aus dem Wörter-Lexikon gestrichen, an dessen Stelle „Anmaßung“ gesetzt wurde. Diesen Aufsatz schickte Herr Gollmick nach Leipzig und wollte ihn für die Signale einrücken lassen. Dieser Tage klagte mir Herr Gollmick: daß der Aufsatz unfrankirt und ohne ein Wort der Entschuldigung zurückgeschickt worden wäre. Sehen Sie, hochverehrter Freund, so stehen die Verhältnisse heut zu Tage! Nicht einmal den Name erlaubt man zu drucken, während die Zukunftsmusik alle Blätter füllt. Es ist aber noch nicht aller Tage Abend u. ich für meinen Theil, habe mir vorgenommen, wieder – vor wie nach – in‘s Geschirr zu gehen, u. wieder auswärtige Schüler anzunehmen, um durch junge, rüstige, angehende Künstler, unsere Saat verteilen(?) zu lassen, wenn ich es selber nicht mehr kann, welches doch das sicherste Mittel – hab‘ ich gefunden – ist, um wenigstens ein Gegengewicht entgegen zu stellen, gegen solche ephemere Richtung. Habe ich denn wenigstens das Meine gethan! Geschehn muß aber etwas. So – stillschweigend u. passiv sich verhaltend – tanzen die Mäuse auf dem Tisch herum, wenn nichts geschieht. Wenn Sie mir hierin, hochverehrter Freund, behülflich sein wollen u. in Ihren weit u. breit verbreiteten Verbindungen dahin wirken wollen: daß sich junge Männer, die sich diesem Ruf widmen wollen, an mich wenden, um ihre Schule bei mir zu machen, so bin ich Ihnen sehr verpflichtet u. glaube auch noch etwas zum bessern Gedeien der Kunst bei tragen zu können. Gott Lob! ich bin so weit noch kräftig, u. gebe auch gern Unterricht, u. wenn es auch ein Opfer ist – namentlich in meinen Jahren noch Unterricht zu geben, so wird mir der Gedanke die Arbeit versüßen: daß ich noch Etwas nütze.
Indem Sie mir der Richtung meines Sohnes1 zu frieden waren, freute mich ebenso, als es meinen Sohn ermuthig[te] u. zu neuem Thun auf[???]. Auch er soll u. wird an dem Gebäude mithelfen arbeiten. Nur noch Einen oder ein paar talentvolle Schüler, und d.(?) denk[e] u. hoffe(???) ich: soll die gute Richtung schon Vertreter finden. Leider! erlauben es die Verhältnisse nicht, daß ich auch persönlich um gute Schüler bewerbe, aber wenn Sie es thun, so ist es besser, als wenn ich es thue.
Betrachten Sie dieß indessen nur als eine hingeworfene Bitte, die ich hauptsächlich nur darum mache, weil die modernen Clavierkünstler ausgesprengt haben: daß ich keinen Unterricht mehr ertheile, welches aber grundfalsch ist. Ohne zu wirken kann ich mich nicht glücklich fühlen, u. seien die übrigen Verhältnissen noch so wünschenswerth. Auch kann ich nicht lassen, Ihnen anzuführen: daß ich unter gar vielen Manuscripten aller Art eine zeimlich beträchtliche Anzahl Orchesterwerke, wie Symphonien, Ouvertur[en] und dergleichen (natürlich abgeschrieben) besitze die ich Ihnen empfohlen haben möchte.
Jene Symphonie aus Es, die Sie vor einigen Jahren in Cassel aufführten2, halte ich für eine der schwächsten von mir. Die Herrn Directoren in fast allen großen Städten in Deutschland, wissen daß ich einen großen Vorrath solcher Manuscriptwerke besitze, aber von Aufführen dieser – ist keine Rede. Bitten, kann ich freilich auch nicht.
Schade, daß unser Freund Speyer das Ruder aus der Hand gegeben hat! Seit dem ist keine Hoffnung mehr, daß etwas von Belang von Neuem zur Aufführung hier kommt. Eben so im hiesigen Museum. „Ignoriren“ ist das Loosungswort. - Auf welche Weise ist nur dagegen anzukämpfen? Und man sieht doch, u. überzeugt sic täglich doch mehr u. mehr: daß bei dieser jetzigen Art u. Richtung die Kunst immer tiefer herunter kommt u. sinkt, u. doch so!!! Im Clavierspielen verfällt es sich ebenso! Keinen Sinn u. Verstand mehr, nur Sprünge und geistloses Zeug. Wie oft muß ich Stichelreden hören, die da lauten: ja, die alten Herrn tragen selber einen Theil dieser Schuld, indem sie sich zurückgezogen haben etc etc. Aber was soll man denn thun? Wie u. wo helfen? Meine Bereitwilligkeit. wieder Schüler aufzunehmen, habe ich erklärt.
O wie sehr hätte ich jüngst gewünscht, daß man mein Sextett für Streichinstrumente Ihnen vorgespielt hätte, aber es gieng in der kurzen Zeit nicht. Wenn ich nicht irre, ist dieß eines der besseren Sachen von mir, so wie eine Symphonie für blos Streichinstrumenten. Letztere verbindet die Kaft des vollen Orchesters mit der Freiheit des Violinquartetts. Daß Ihnen alle dieß zu Dienste steht, versteht sich von selbst. Gute Abschriften besitze ich. Nun habe ich mich wieder in Ihr Gedächtnis zurück gerufen, u. meine Absicht ist erreicht. Indem ich mich Ihnen u Iher verehrungswürdigen Frau Gemahlin bestens empfehle, so bin und zeichne ich verehrungsvoll
Ihr Sie unendlich hochhaltender

Freund Dr. Aloys Schmitt.

Frankfurt a/m den 12ten August
1857.

Erwähnte Personen: Gollmick, Carl
Schmitt, Georg Alois
Speyer, Wilhelm
Erwähnte Kompositionen: Schmitt, Aloys : Sextette, Vl 1 2 Va 1 2 Vc Kb
Schmitt, Aloys : Sinfonie-Quartett
Schmitt, Aloys : Sinfonien, Es-Dur
Erwähnte Orte: Frankfurt am Main
Kassel
Leipzig
Erwähnte Institutionen: Hofkapelle <Kassel>
Stadttheater <Frankfurt am Main>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1857081245

http://bit.ly/2Hda1Is

Spohr



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Schmitt an Spohr, 11.11.1856. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Schmitt an Spohr, 07.09.1857.

[1] Georg Alois Schmitt.

[2] Vgl. Schmitt an Spohr, 20.03.1854.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (18.04.2018).