Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Sr. Hochwohlgeboren
Herrn General-Musikdirector Dr. Spohr
in
Cassel

fr.1


Dordrecht den 3 Aprill 1857.

Hochverehrter Herr General-Musikdirector!

Zu Ihrem Geburtstage send ich Ihnen meine allerherzlichsten Glückwünsche und erflehe vom gütigen Gott für Sie fortwährende Gesundheit und ein freudiges glückliches Leben mit all dem Schönen o Guten was Sie hochverehrtester Herr General Musikdirector so sehr verdienen durch Ihr so überaus thatenreiches Leben, Wirken und Schaffen.
In der Hoffnung im vergangenen Herbste wieder eine Reise nach Deutschland unternehmen zu können, die leider vereitelt ist, mit welcher ich dann natürlich auch nach Cassel gekommen wäre um Sie hochverehrter Herr General Musikdirector zu besuchen und persönlich zu Ihrer Reise nach Holland einzuladen, habe ich von Tage zu Tage gezögert an Sie zu schreiben.
Hiermit lade ich Sie und Frau General Musikdirector nun wiederum zu Ihrer Reise nach Holland recht dringend ein, überzeugt daß Sie überall mit Enthusiasmus emnpfangen werden u daß man sich beeifern wird Ihnen den Aufenthalt hier im Lande so angenehm wie möglich zu machen und hoffend daß es Ihnen möglich sein wird auch Dordrecht zu besuchen. Außerdem empfehle ich mich recht dringend als Führer durch Holland u werde alles Mögliche aufbieten und diesen mir so angenehmen Posten gut und zu Ihrer Zufriedenheit zu erfüllen.
Von allen den Vorfällen u Veränderungen in Cassel habe ich sehr wenig erfahren. In einem Brief von Hr. Musik-Director Hauptmann im October erfuhr ich daß Bott wirklich Cassel verlassen u kürzlich daß er in Meiningen sei und daß ein Herr Reiß in seinen Platz gekommen sei. Ich hoffe für Sie lieber Herr General Musikdirector daß Sie in diesen Jemanden gefunden haben der Ihres Vertrauens würdig u auf den Sie sich verlassen können u der Ihnen nun den beschwerlichen u lästigen Theaterdienst erleichtert.
Ebenso erfuhr ich aus dem Briefe von Hr. Md. Hauptmann daß Sie in Leipzig waren, daß er sich so sehr gefreut habe Sie wieder zu sehen pp und wie Sie mit unermüdlicher Thätigkeit u frischem Interesse für alles Schöne u Gute fortwährend beseelt sind pp und mir thut es wohl zu vernehmen daß mein lieber Meister, den ich hoch über Alles verehre, so fortwährend mit starkem Willen u ungeschränkter Kraft u regem Eifer der Kunst ergeben ist.
Hier geht es wie immer den alten ruhigen gewöhnlichen Weg in der Kunst u ich fürchte ich werde immer mehr ein Maschine. Wohl ist hier viel Liebe für Musik u ich darf wohl sagen auch viel durch mich bewirkt; wohl wird unglaublich viel Musik gemacht, allein die Kräfte mangeln u die Ausführungen von Dilettanten sind immerwährend mangelhaft, nicht um daß es Dilettanten sind, mehr um daß Ihnen die nöthige Zeit zu Studiren fehlt. Überladen mit Unterrichtgeben, so dann mit Abhalten von Repetitionen u Schulen pp bin ich wohl(???) u ist auch der Verdienst recht gut, so ist auch die Anstrengung groß u ermüdend, ich möchte sagen tödtend, denn gar wenige freudige Augenblicke werden mir als Ersaz u den Mangel an guter Musik fühle ich fortwährend weiter, so wie der Mangel an Mittheilung u etwas Freundschaft. pp
Noch habe ich Ihnen den Ablauf des Vaterländischen Nat[io]nalen Sängerfestes in Utrecht im vergangenen Sommer mitzutheilen. Ich kann es einfach. Es war recht glänzend u ich glaube daß ich mich tapfer u ritterlich wie ein General gehalten habe u daß es in so fern solche Feste sein können auch musikalisch gut gelaufen ist. In der Hoffnung daß Ihre Reise nach Holland auch für Frau Generalmusikdirector von Interesse sein wird u in jeder Hinsicht glücklich u erwünscht ausfallen möge empfehle ich mich Ihnen,2 so wie Frau General-Musikdirector recht dringend an.
Mit unbeschränkter Hochachtung und Verehrung und treuer Liebe bin ich Ihr stets gehorsamer

F. Böhme

Autor(en): Böhme, Ferdinand
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Bott, Jean Joseph
Hauptmann, Moritz
Reiss, Carl
Spohr, Marianne
Erwähnte Kompositionen:
Erwähnte Orte: Dordrecht
Kassel
Meiningen
Erwähnte Institutionen: Hofkapelle <Meiningen>
Hoftheater <Kassel>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1857040340

http://bit.ly/357dstw

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Spohr an Böhme, 12.06.1856. Spohrs Antwortbrief ist derzeit verschollen.

[1] „fr.“ ist kaum noch lesbar und scheint zusammen mit den unteren Teilen von zwei Poststempeln mit einem Aufkleber abgelöst worden zu sein. Von den beiden Stempeln ist jeweils nur der obere Teil des Texts „[DOR]DREC[HT]“ lesbar. Unter dem Adressfeld befinden sich noch die Poststempel „EMMERICH / OBERHAUSEN / 4 […]“ und „CASSE[L] / 6(?) / LK(?) 7 / 11 – 11N“.

[2] Hier gestrichen: „recht“.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (19.10.2020 ).