Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

St Gallen, Schweiz, 4 Dz
1856

Verehrtester Meister!

Ihre Güte gegen mich im letzten Frühling betreffs der Aufführung Ihres Werkes, „Die Weihe der Töne” in den hießigen Abonnements-Konzerten, läßt mich auch jetzt wagen, in derselben Angelegenheit an Sie zu wenden. Leider war es mir letzten Frühling durch Mangel an Zeit nicht mehr möglich, dieses Werk aufzuführen. Seit November haben unsre Abonnements-Konzerte wieder begonnen, und es sei einer meiner höchsten Aufgaben, Ihr herrlichstes Werk unserm Publikum (zum erstenmale dahir) vorzuführen. Die Aufführung ist auf Ende Dezember oder Mitte Januar festgesetzt.1 Bereits habe ich die Separatprobe begonnen. Der Zweck dieses Briefes ist eine Bitte an Sie, verehrter Meister. Eine hiesiger Kunstfreund, der dießes Werk einmal unter Ihrer Leitung hörte, sagte mir, es sei in Kassel nebst dem Gedicht auch noch ein „aesthetisches Programm” ein Kommentar beigegeben. Dürfte ich Sie (in dießem Falle) wohl um das fragliche bitten? Ich lasse das Gedicht dem Konzertzettel extra beidrucken, und seze die der Partitur vorgehenden Beziehungen ebenfalls auf den Zettel. Besizen Sie etwelche Hinweisungen auf(?) dies Werk, welche man dem Publikum vor der Aufführung durch die Presse mittheilen könne, so wäre ich Ihnen dafür sehr dankbar. Unser Publikum ist zwar sonst sehr empfänglich und das beweist auch der große Besuch unserer Konzerte. Allein ein Institut wie unsere Konzerte, ist ihnen noch etwas fremd; wir haben in dießem Winter erst das zweite Jahr unserer Abonemments-Konzerte angetreten, es sind ihnen daher die Wertke, die wir aufführen mehr oder weniger neu. –
In unserm 2tenKonzerte am 23. Nov. wirkten Franz Liszt und Richard Wagner mit.
Liszt dirigirte zwei Nummern seiner Symphonischen Dichtungen „Orpheus und les Prèludes” und Wagner die Sinfonie eroica.2
Genehmigen Sie verehrter Meister, den Ausdruck meiner größten Hochachtung

ergebenster
Heinrich Sczadrowsky

Autor(en): Szadrowsky, Heinrich
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Liszt, Franz
Wagner, Richard
Erwähnte Kompositionen: Beethoven, Ludwig van : Sinfonien, op. 55
Liszt, Franz : Orpheus
Liszt, Franz : Les Préludes
Spohr, Louis : Die Weihe der Töne
Erwähnte Orte: St. Gallen
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1856120445

http://bit.ly/33UVNmD

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Spohr an Szadrowsky, 24.02.1856. Spohr beantwortete diesen Brief am 08.12.1856.

[1] Die Aufführung fand dann erst am 01.03.1857 statt (vgl. Szadrowsky an Spohr, 03.03.1857; s.a. die Ankündigung „St. Gallen“, in: Süddeutsche Musik-Zeitung 6 (1857), S. 24).

[2] Vgl. „St. Gallen”, in: Neue Zeitschrift für Musik 46 (1857), S. 21; „Franz Liszt und Richard Wagner im 3. Abonnement-Concert am 23. Nov. 1856 in St. Gallen”, in: ebd., S. 83f. und 95ff.

Kommentar und Verschlagwortung, sofern in den Anmerkungen nicht anders vermerkt: Karl Traugott Goldbach (24.10.2019).