Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.2 <18560925>

Breslau den 25 Septemb 56

Mein hochverehrter Freund und Gönner!

Verzeihen Sie mir gütigst, wenn ich erst heute dazu komme, Ihnen meinen gerührtesten Dank für die so freudige, mich erhebende Uberraschung zu sagen. Ich war nämlich den Tag nach meinem Jubiläum nach Berlin gereist, wo ich etwas zu thun hatte; dort wollte ich nur ein paar Tage verweilen, blieb aber bis über die Vermählungsfeier des Großherzogs von Baden mit der Prinzessin von Preußen, weil ich durch Graf Redern den Domchor in seinem Glanze, die Festoper Kortez von Spontini (mit seltener Pracht gegeben) und ein Hofkonzert im weißen Saale, das Meyerbeer und Taubert dirigirten, zu hören bekam. Auch hier wirkten die ganze Kapelle und alle Gesangskräfte mit. — Meine Amtsjubelfeier, war komischer Weise schon die zweite 25jährige, denn nächsten Mai bin ich bereits 30 Jahre angestellt. 1852 wurde mein Jubiläum begangen, weil ich 25 Jahre Organist war, (die ersten 4½ Jahre war ich 2ter Organist an St. Elisabeth) die neuliche Feier fand statt, weil ich 25 Jahre als Oberorganist an ein und derselben (Bernhardin) Kirche gewirkt habe. Von allen Seiten her bekam ich die rührendsten Beweise ungeheuchelter Freundschaft; welchen Eindruck aber Ihr schönes Lied1, das am Vorabend bei einem mir gebrachten Ständchen sehr schön und fein nüancirt unter Domkapellmeister Brosigs Leitung gesungen wurde, machte, kann ich nicht schildern. Bei dem Festdiner wurde mir Ihr herzliches Gratu[la]tionsschreiben überreicht, das mich von neuem freudig überraschte. Nehmen Sie, mein Freund und Gönner, nochmals meinen allerbesten Dank. Statt aller Beschreibung der Festlichkeit lege ich Ihnen ein Referat der Breslauer Zeitung bei.2 — Daß Sie Bott verloren haben, thut mir sehr leid.3 Als Ihr Schüler muß er Ihnen der liebste Kollege gewesen sein, und wie wird er Ihnen bei Ihren Quartetten, so wie im Theater als Vorspieler fehlen! Herrn Musikdirektor Sobirey haben Sie wohl die Güte für seinen lieben Brief in meinem Namen einstweilen zu danken, bis ich das selbst thun werde.
Ihrer Frau Gemahlin, so wie den lieben Ihrigen und sonstigen werthen Bekannten meine herzlichste Empfehlung.
Mit ausgezeichneter Verehrung

Ihr
dankbarer
A. Hesse



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Hesse an Spohr, 03.04.1856. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Hesse an Spohr, 03.04.1857.

[1] Ständchen zum Silberjubiläum von Adolph Hesse, Text von August Kahlert, WoO 88.

[2] Noch nicht ermittelt.

[3] Nach einem Streit kündigte Bott seine Stelle als stellvertretender Hofkapellmeister (vgl. „Tages- und Unterhaltungsblatt”, in: Rheinische Musik-Zeitung 7 (1856), S. 221; Louis Spohr, Louis Spohr’s Selbstbiographie, Bd. 2, Kassel und Göttingen 1861, S. 376f.).

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (02.05.2016).