Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Berlin, den 7 Septbr. 56.

Hochverehrter Herr!

Gönnen Sie dem beiliegenden Büchlein1, das aus den Händen eines Ihrer aufrichtigsten Verehrer und Bewunderer kommt – einen freundlichen Empfang. Der Name des Verfassers ist hoffentlich Ihrem Gedächtniße noch nicht ganz entschwunden, wenn es gleich nun fast 11 Jahre her ist, seit ich die Ehre hatte, Ihnen im Hause der Frau von Malsburg Ihnen Ihre herrlichen Arien vorzusingen und zu Ihren eigenen musikalischen Gesellschaften in Cassel gezogen zu werden. Sie schrieben mir damals eine Stelle aus Ihren Kreuzfahrern in mein Album und ich bin nicht wenig stolz darauf, dies Blatt eines von allen lebenden deutschen Componisten hochwerthem Meisters zu besitzen. Eben diese Zuneigung und Verehrung ist es, die mich veranlaßt, Ihnen meine neueste Arbeit vorzulegen. Wollen Sie dem Durchlesen des Werks eine freie Stunde widmen und mir hernach Ihr Urtheil darüber aussprechen, so werden Sie mich sehr glücklich machen. Ich denke, es ist an der Zeit, jetzt wo die Gesangskunst ihrem gänzlichen Verfalle entgegengeht, nach Kräften an ihrer Wiederherstellung und Rettung zu arbeiten. Dieser Gedanke leitete mich bei der Abfassung meines Lehrbuches: ich war bemüht die Erfahrungen einer zwölfjährigen Lehrpraxis in klaren und deutlichen Worten zum Besten der den Sologesang Lehrenden und Lernenden niederzuschreiben, ohne alle und jede Geheimniskrämerei und jenen Bombast von Worten, jenen Charlatanismus, der so viele neuere Gesangschulen völlig ungenießbar macht. Ob mir dies gelungen, das überlasse ich dem Urtheile Sachverständiger, und vor Allem dem Ihrigen, dessen Kundgebung ich sehnlichst entgegensehe.
Ihre schönen Baßarien aus Faust, Jessonda, Pietro Abano u.s.w., welche mein seliger Vater (Carl Sieber) noch unter Ihrer Leitung in Cassel am Hoftheater gesungen hat, werden von mir und meinen Schülern oft und gern vorgetragen, nicht minder die vielen herrlichen Sachen für Frauenstimmen, die ein stehendes Repertoire an unserer Akademie der Tonkunst ausmachen.
Genehmigen Sie, hochverehrter Meister, den Ausdruck meiner

wahren Hochachtung und innigen Ergebenheit
Ferd. Sieber.

Adresse:
(Berlin, unter den Linden 43)

Autor(en): Sieber, Ferdinand
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Malsburg, Caroline von der
Sieber, Karl Ferdinand
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Faust
Spohr, Louis : Jessonda
Spohr, Louis : Die Kreuzfahrer
Spohr, Louis : Pietro von Abano
Erwähnte Orte: Kassel
Erwähnte Institutionen: Hoftheater <Kassel>
Neue Akademie der Tonkunst <Berlin>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1856090745

http://bit.ly/2EUGO42

Spohr



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Sieber an Spohr, 17.09.1845. Spohr beantwortete diesen Brief am 20.10.1856.

[1] Ferdinand Sieber, Vollständiges Lehrbuch der Gesangskunst zum Gebrauche für Lehrer und Schüler des Sologesangs, Magdeburg 1856.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Wolfram Boder (27.02.2018).