Autograf: New York Public Library (US-NYp), Sign. MNY, Folder 2

Cassel den 17ten
August 1856.

Hochgeehrter Herr,

Es konnte mir nur große Freude gewähren, aus Ihrem geehrten Schreiben zu erfahren, daß es in Wien eine kunstbegabte Quartettgesellschaft giebt, die in den Kreis ihrer Aufführungen auch meine Kompositionen der Gattung aufzunehmen, nicht verschmäht, ganz besondere Freude hat es mir aber gemacht, zu erfahren, daß auch meine letzten Quartetten sich noch Ihres Beyfalls zu erfeuen gehabt haben, weil ich daraus den Schluß ziehe, daß mein Kompositionstalent in meinem Alter von 72 noch nicht versiegt und die Quelle meiner musikalischen Ideen noch nicht ganz eingetrocknet seyn kann. Machte es mich nun schon bisher recht glücklich, daß ich in so weit vorgerücktem Alter noch geigen kann, und durch kein Zittern der Hände daran gehindert ward, indem meine Bogenführung, noch eben so zart und ruhig ist, als zu der Zeit, wo ich vor länger als 50 Jahren in Wien wohnte und meine ersten Quartette schrieb und in den damaligen Quartettparthien bey Herrn von Kraft1 und Herrn Zizius2 vortrug, so hat mich doch der Antheil den Sie und Ihre Mitgenossen an meinem 32sten Quartett nehmen, noch mehr erfreut und mich in dem Versuch bestärkt, meine Kompositionsarbeiten noch nicht ganz einzustellen, sondern nächsten Winter mich3 nochmals an Qartetten oder Quintetten zu versuchen.4 Ein Quartett5 existirt übrigens schon jetzt, was Ihnen noch nicht zur Ansicht gekommen seyn wird. Es ist das 33ste, kürzlich in Leipzig bey Siegel erschienen. Auch das 30ste und 31ste6 habe ich vorigen Winter oft hier in unsern Quartettparthien und vor 2 Jahren, wo ich zum letzten Male in London war, dort in Privatgesellschaften oft gespielt, und besonders mit dem Schluß-Allegro des 31sten viel Beyfall gefunden.7 Dies Quartett spielt sich auch sehr bequem, während das 30ste besonders für den ersten Geiger eine sehr schwere Aufgabe ist, die eines ausdauernden Studiums bedarf, wie manches meiner großen Concerte.
Nehmen Sie nun nochmals meinen besten Dank für Ihre freundliche Zuschrift. Gelingt es mir noch eine Komposition von einigem Werth zu Stande zu bringen, so habe ich es hauptsächlich Ihrer aufmunternden Zuschrift zu danken! der ich mit vorzüglicher Hochachtung verharre, als

Ihr
ergebener
Louis Spohr.



Dieser Brief ist die Antwort auf Winter an Spohr, 28.07.1856. Winter beantwortete diesen Brief am 17.08.1856.

[1] Sicherlich Nicolaus von Krufft.

[2] Vgl. Louis Spohr, Lebenserinnerungen, hrsg. v. Folker Göthel, Tutzing 1968, Bd. 1, S. 182 und 184, Text mit fehlerhafter Paginierung auch online; ders., Louis Spohr’s Selbstbiographie, Bd. 1, Kassel und Göttingen 1861, S. 185.

[3] „mich“ über der Zeile eingefügt.

[4] Spohr 1856 komponierte Streichquartette WoO 41und 42 blieben unveröffentlicht.

[5] Op. 152.

[6] Op. 132 und op. 141.

[7] Vgl. Marianne Spohr, Tagebucheinträge 01., 03., 11. und 12.07.1853.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Wolfram Boder (31.03.2020).