Autograf: nicht ermittelt
Vorlage: Fotokopie im Spohr Museum Kassel (D-Ksp)

Sr. Wohlgeb.
Herrn Kapellmeister
Julius Rietz
in
Leipzig.


Cassel den 7ten Juli
1856

Hochgeehrter Herr Kapellmeister,

Nachdem ich heute früh eine Unterredung mit unserm Herrn Intendanten hatte, habe ich jede Hoffnung, meinen Schüler Kömpel an Bott’s Stelle als Concertmeister hier angestellt zu sehen, aufgeben müssen, weil der König von Hannover sich entschieden weigert, ihn gehen zu lassen, und für Alles, was man ihm hier mehr bieten könnte, entschädigen will. Kömpel hat daher seyne Bewerbung um die hiesige erledigte Stelle aufgeben müssen. Da nun unter meinen Schülern, einige ausgenommen, die ihre gute Stellung wohl nicht verlassen werden, keiner ist, der als Sologeiger mit Bott in die Schranken treten könnte, so komme ich wieder auf Laub in Berlin zurück, über den Sie schon in Leipzig die Güte hatten, mir mündlich eine Auskunft zu geben. Sie waren mit seinem Vortrag beym Düsseldorfer Musikfest sehr zufrieden und erwähnten nur, er hätte als Vorgeiger wohl noch energischer eingreifen können. Das letztere wird sich bey längerer Übung wohl noch finden; denn hier ist für jeden ein gediegenes Solospiel für jeden die Hauptsache! - Da ich nun Herrn Laub nicht persönlich kenne, Sie ihn, wenn Sie ihn nicht schon früher kannten, doch beym Musikfeste sicher haben näher kennen lernen, so ergeht meine ergebene Anfrage an Sie, ob Sie nicht die Güte haben wollten, Herrn Laub von der Erledigung der hiesigen Concertmeisterstelle in Kentniß zu setzen, und für den Fall, daß sie ihm wünschenswerth sey, zur Bewerbung um diese aufzufordern? Herr Laub müßte sich dann an unsern Intendanten Herrn Hofmarschall von Heeringen werden, damit dieser dem Kurfürsten darüber berichten könne. Ist Herr Laub mit unserer Intendanz übereingekommen, so wird der Kurfürst selbst wahrscheinlich noch verlangen Herrn Laub vor Ausfertigung des Anstellungsdecrets zu hören, und er würde daher hieher kommen und im Theater als Solospieler auftreten müssen. Sollte Herr Laub Berlin und seine jetzige Stellung1 nicht verlassen wollen, so hätten Sie noch die Güte mit irgend einen andern Bewerber, der aber jedenfalls ein guter Sologeiger seyn müßte, vorzuschlagen!
Indem ich um Entschuldigung bitte, daß ich Sie mit dieser Angelegenheit, die mir sehr am Herzen liegt, behellige, unterzeichne ich hochachtungsvoll als

Ihr
ergebener
Louis Spohr

Autor(en): Spohr, Louis
Adressat(en): Rietz, Julius
Erwähnte Personen: Bott, Jean Joseph
Friedrich Wilhelm Hessen-Kassel, Kurfürst
Heeringen, Josias von
Kömpel, August
Laub, Ferdinand
Erwähnte Kompositionen:
Erwähnte Orte: Düsseldorf
Kassel
Erwähnte Institutionen: Hofkapelle <Kassel>
Niederrheinische Musikfeste <verschiedene Orte>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1856070713

http://bit.ly/2qcBoHc

Spohr



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Rietz an Spohr, 18.04.1851. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Rietz an Spohr, 14.10.1858, aus dem sich noch ein derzeit verschollener vorhergehender Brief von Spohr an Ries erschließen lässt.

[1] „und seine jetzige Stellung“ über der Zeile eingefügt.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (11.05.2017).