Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Sr. Hochwohlgebor
Herrn Dr. Louis Spohr
Kurfürstl. hessischer Generalmusikdirector
Ritter etc.
in
Cassel

franco


Hochgeehrtester Herr Generalmusikdirektor!

Vor einigen Tagen habe ich mit dem Fürsten Ihre wunderschönen Lieder executirt, und dabei einen hohen Genuß gehabt. Der Fürst läßt Ihnen sagen, daß Sie ihm eine große Freude damit gemacht hätten, und kann es kaum erwarten daß er die anderen 3 Lieder bekommt. Die Lieder sind aber auch gar zu schön. Ich hatte mir die Violinstimme mit der Gesangstimme darüber ausgeschrieben, und finde es sehr zweckmäßig, wenn die Violinstimme auch so gedruckt würde. Der Violinspieler kann sich so besser in das Tonstück hineinleben und sich auch besser an den Sänger anschmiegen. In dem Liede „Abendfeier“ hat der Clavierspieler der dem Fürsten die Lieder einstudirt, im 23sten Tackte vorgezogen den Tackt folgendermaßen zu spielen:
[Nbs]
Meines Erachtens wollten Sie so gesungen und gespielt haben. Wollten Sie wohl die Güte haben und im nächsten Briefe Ihre Willensmeinung darüber schreiben. In demselben Liede ist im 18ten Takte in der Violinstimme die letzte Achtelpause überflüssig.
Hr. Osthoff hatte mir geschrieben daß er hier gern einmal singen möchte. Ich habe ihm die Gründe auseinander gesetzt warum es sich jetzt nicht machen läßt. Im Spätherbst wird seinem Wunsche wohl nichts im Wege stehen. Als Knabe habe ich in Braunschweig einen Clavierlehrer Osthoff gehabt. Wahrscheinlich war es der Vater oder Onkel.
Unser Fürst reist in 4 Wochen wahrscheinlich nach Gastein, und wünscht sehnlichst die anderen Lieder vorher noch zu besitzen. Gestern Abend habe ich (diese Woche das 2te Mal) auf des Fürsten Verlangen das schöne Doppel Quartett Nro. 1 gespielt. Nächsten Donnerstag kommt die „Weihe der Töne“ zur Aufführung.
Der Hofmarschall v. Meysenbug der bei der Geburtstagsfeier des Königs von Hannover anwesend war, erzählte mir daß er einen Marsch mit Chor1 von Ihnen gehört hätte, der außerordentlichen Effekt gemacht hätte. Da wie ich vermuthe dieses Tonstück nicht im Druck erschienen ist, so stelle ich die ergebenste Anfrage, ob Sie mir nicht gütigst eine Abschrift davon zukommen lassen wollten?
Sie würden mir eine große Güte erzeigen, wenn Sie mir recht bald schreiben wollten, ob der Fürst die anderen Lieder noch vor seiner Abreise erwarten darf.

Mit vorzüglichster Hochachtung
und Ergebenheit
Ihr
dienstwilligster
AugKiel

Detmold d. 6ten Juni 1856



Der letzte Brief dieser Korrespondenz ist Kiel an Spohr, 19.05.1856. Spohrs Antwortbrief ist derzeit verschollen.

[1] „mit Chor” über der Zeile eingefügt. Möglicherweise handelt es sich hier um einen der Chöre aus Der Fall Babylons.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (04.07.2016).