Autograf: Lippische Landesbibliothek Detmold (D-DT), Sign. Mus-h 17 S 11
Druck: Otto von Meysenbug, „Beiträge zur Geschichte musikalischen und theatralischen Lebens in Detmold”, in: Mitteilungen aus der lippischen Geschichte und Landeskunde 3 (1905), S. 177-204, hier S. 191f.

Cassel den 5ten April
1856.

Hochgeehrter Herr Kapellmeister,

Unser Intendant, Herr von Heeringen, dem ich Ihr geehrtes Schreiben sogleich mittheilte, bedauert sehr, das Anerbieten von Fräulein Michalesi nicht annehmen zu können, da er zu einer Zeit, wo das Personal unserer Oper vollzählig ist, kein Gastspiel gestatten darf. Es findet bey uns nur statt, wenn neu hinzugehende Mitglieder für unsere Oper dem Kurfürst zur Prüfung vorgeführt werden sollen.
Mit Vergnügen ersehe ich aus Ihrem Briefe, daß in Folge der wahren Kunstbildung Ihres Fürsten , sich die Musikzustände in Detmold immer mehr heben, und daß Sie jetzt über ein Orchester zu verfügen haben, wie es viele größere Städte entbehren müssen. Dies muß Ihre Stellung sehr angenehm machen.
Im Bezug auf Ihre Äußerung, daß Ihr Fürst es gut aufnahmen werde, wenn ich ihm einige Baryton-Lieder widmete, bemerke ich, daß ich Fürsten nie etwas dedicirt habe, wenn es nicht ausdrücklich verlangt wurde, wie dies z.B. bey den Liedern für Sopran und obligate Clarinette der Fall war, die der Fürstin von Sondershausen gewidmet sind. Sollte sich daher Ihre Bemerkung etwa auf eine ausdrückliche Äußerung Ihres Fürsten beziehen, so würde ich seinem Wunsche gern nachkommen, da ich ohnehin bey meinem vorgerückten Alter (ich feyere heute meinen 72sten Geburtstag) wohl kaum noch anderes mehr als Lieder schreiben werde. Dann wünschte ich aber noch zu wissen, ob Ihr Fürst selbst singt, und etwa Baryton, und wie weit sein Umfang ohne Anstrengung reicht? ferner, ob er die Lieder liebt, die außer der Clavierbegleitung noch ein anderes Instrument zur Begleitung haben? und welche vorzugsweise? – Alle diese Fragen stelle ich jedoch nur, wenn die obige Voraussetzung auf Wahrheit beruht.
Daß Sie Ihren Herrn Vater verloren haben erfahre ich mit innigster Theilnahme, es war mir ganz unbekannt, daß er in Detmold verweilte.
Mit wahrer Hochachtung ganz

der Ihrige
Louis Spohr

Autor(en): Spohr, Louis
Adressat(en): Kiel, August
Erwähnte Personen: Friedrich Wilhelm Hessen-Kassel, Kurfürst
Heeringen, Josias von
Leopold III. Lippe-Detmold, Fürst
Michalesi, Josefine
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Lieder, Bar Vl Kl, op. 156
Erwähnte Orte: Detmold
Kassel
Erwähnte Institutionen: Hofkapelle <Detmold>
Hoftheater <Kassel>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1856040508

http://bit.ly/29gLArU

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Kiel an Spohr, 01.04.1856. Kiel beantwortete diesen Brief am 10.04.1856.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (01.07.2016).

Hochgeehrter Herr Kapellmeister! Unser Intendant, Herr von Heeringen, dem ich Ihr geehrtes Schreiben sogleich mittheilte, bedauert sehr, das Anerbieten von Frl. M. nicht annehmen zu können, da er zu einer Zeit, wo das Personal unserer Oper vollzählig ist, kein Gastspiel gestatten darf. Es findet bey uns nur statt, wenn neu hinzugehende Mitglieder für unsere Oper dem Kurfürst zur Prüfung vorgeführt werden sollen.
Mit Vergnügen ersehe ich aus Ihrem Briefe, daß in Folge der wahren Kunstbildung Ihres Fürsten , sich die Musikzustände in Detmold immer mehr heben, und daß Sie jetzt über ein Orchester zu verfügen haben, wie es viele größere Städte entbehren müssen. Dies muß Ihre Stellung sehr angenehm machen.
Im Bezug auf Ihre Äußerung, daß Ihr Fürst es gut aufnahmen werde, wenn ich ihm einige Baryton-Lieder widmete, bemerke ich, daß ich Fürsten nie etwas dediciert habe, wenn es nicht ausdrücklich verlangt wurde, wie dies z.B. bey den Liedern für Sopran und obligate Clarinette der Fall war, die der Fürstin von Sondershausen gewidmet sind. Sollte sich daher Ihre Bemerkung etwa auf eine ausdrückliche Äußerung Ihres Fürsten beziehen, so würde ich seinem Wunsche gern nachkommen, da ich ohnehin bey meinem vorgerückten Alter (ich feyere heute meinen 72. Geburtstag) wohl kaum noch anderes mehr als Lieder schreiben werde. Dann wünschte ich aber noch zu wissen, ob Ihr Fürst selbst singt und etwa Baryton und wie weit sein Umfang ohne Anstrengung reicht? ferner, ob er die Lieder liebt, die außer der Clavierbegleitung noch ein anderes Instrument zur Begleitung haben? und welche vorzugsweise? - Alle diese Fragen stelle ich jedoch nur, wenn die obige Voraussetzung auf Wahrheit beruht. – Daß Sie Ihren Herrn Vater verloren haben erfahre ich mit innigster Theilnahme, es war mir ganz unbekannt, daß er in Detmold verweilte. Mit wahrer Hochachtung

ganz der Ihrige
L. Spohr