Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.2 <18560403>

Breslau 3 April 1856

Mein hochverehrter Freund und Gönner!

Leider ist wieder eine ziemlich lange Zeit verstrichen, seit ich Ihnen das letzte Mal geschrieben; doch war ich von Ihnen und dem Kassler Musikleben so ziemlich unterrichtet, da ich den Vater des Hr. Sobirey hier recht oft sehe, welcher durch seinen Sohn öftere Nachrichten erhält. Zu Ihrem Geburtstage, wie immer, meine besten, herzlichsten Wünsche. Sie werden ihm gewiß, wie bisher, in voller Rüstigkeit und Gesundheit feiern, zur Freude der lieben Ihrigen und der ganzen Musikwelt. Hier ist es in diesem Winter, was Musiktreiben anlangt, wieder bunt über Eck gegangen. Massen von Konzerten und auch mehrere große Ausführungen haben statt gefunden. Da mußte ich nicht nur viel dirigiren, sondern auch 6mal öffentlich Klavier spielen, sowohl in den Konzerten als auch in Blechas Quartettmatineen, auch viele Ihrer Meisterwerke sind zur Aufführung gekommen, und erst in voriger Woche wurde Ihre Ouverture zu Jessonda zufällig an 3 Tagen hintereinander gespielt, einmal im Theater von der Oper, dann im Schönschen Orchester und zuletzt im Konzert der Sängerin Palm-Spatzer, das ich dirigirte. — Kürzlich starb hier mein alter, guter Freund, der Hofklaviermacher Bessalié, bei dem wir einmal dinirten, ein liebenswürdiger, braver Mann und großer Künstler, was mich sehr erschüttert hat.1 Nun ein Wort im Vertrauen! Was meinen Sie zu Sobireys Sinfonie? Dieselbe hat uns in eine arge Verlegenheit gebracht. Ich habe nicht nur ihn, sondern auch seinen würdigen Vater persönlich sehr gern, und es wäre mir sehr lieb gewesen, wenn die Sinfonie, die uns zur Aufführung eingeschickt wurde, sich dazu geeignet hätte. Sie haben sie in Kassel gegeben2, doch konnte das für unsern Zweck kein Maßstab sein. Sobirey ist bei Ihnen angestellt, gefällt das Werk nicht, so fällt der Tadel auf den Komponisten zurück. Bei unserm Publikum aber, wo das persönliche Interesse für den Komponisten keine Rolle spielt, fällt die Verantwortlichkeit auf die Theaterkapelle und auf mich. Gestern früh haben wir sie probirt, mußten sie aber bei Seite legen. Uber den Mangel an Erfindung hätten wir uns noch hinweggesetzt, wäre das Machwerk nur gut gewesen, aber leider sind weder der harmonische und kontrapunktische Theil, noch die Instrumentirung interessant; es klingt alles so dünn und traurig. Die Verlegenheit für uns ist, Sobireys Vater gegenüber, groß. Der liebe Mann hätte sich sehr gefreut und wird dann mit Recht sagen: Ein Meister wie Spohr hat sie einer Aufführung werth gehalten, und für uns ist sie nicht gut genug. Haben Sie doch die Gewogenheit, mir, versteht sich, im Vertrauen, Ihr Urtheil über das Werk zu schreiben. Überhaupt bitte ich Sie, mich recht bald mit einer Zuschrift zu beglücken, ich sehne mich sehr darnach. Ihre liebe Frau Gemahlin, und sonstige Familie, so wie » andern Bekannten, meinen herzlichsten Gruß. Ich bin mit größter Verehrung hochachtungsvoll Ihr

dankbarer Verehrer
A. Hesse.

Was haben Sie wohl für nächsten Sommer vor?

Autor(en): Hesse, Adolph
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Bessalié, Heinrich Philipp
Blecha, Adalbert
Sobirey (Vater von Gustav Sobirey)
Sobirey, Gustav
Spazzer-Palm, Antonia
Erwähnte Kompositionen: Sobirey, Gustav : Sinfonien
Spohr, Louis : Jessonda
Erwähnte Orte: Breslau
Kassel
Erwähnte Institutionen: Hofkapelle <Kassel>
Stadttheater <Breslau>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1856040331

http://bit.ly/1W1Lrur

Spohr



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Hesse an Spohr, 15.09.1855. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist 25.09.1856.

[1] Vgl. A[dolph] Hesse, „20. März”, in: Neue Berliner Musikzeitung 10 (1855), S. 101.

[2] Vgl. O[tto] Kraushaar, „Aus Cassel”, in: Rheinische Musik-Zeitung 6 (1855), S. 166f., 174ff. und 181ff., hier S. 167; „Cassel”, in: Revue et Gazette musicale de Paris 22 (1855), S. 143.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (02.05.2016).