Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.2 <18550915>

Breslau d. 15 Septemb 55

Mein hochverehrter Freund und Gönner!

Es wird wieder einmal Zeit, daß ich einige Zeilen an Sie richte, um die Freude zu haben, von Ihnen mit einer Zuschrift beglückt zu werden. Auch will ich Sie damit überzeugen, daß ich mich im Augenblicke noch wohl und gesund fühle, da bei uns leider wieder einmal die Cholera wüthet. Von seit Juli über 1000 Erkrankten sind 750 gestorben, doch ist diese Pest Gott sei Dank jetzt im Abnehmen.1 Der Vater des Hr. Sobirey2 hat mir erzählt, wie wohl und kräftig er Sie gesehn und das war mir eine große Freude. — Anfangs Juli feierten wir hier das 25jährige Jubelfest der schlesischen Gesang- und Musikfeste in dem ganz neuen prächtigen Saale des Schießwerder, der über 4000 Personen faßt.3 Sänger, den sämmtlichen Männergesangsvereinen Schlesiens angehörend, trugen am 2ten Festtage Tonwerke mit und ohne Blasinstrument-Begleitung vor, und zwar unter der Leitung ihres Gründers, des Musikdirektors Siegert hierselbst. Um den Festen mehr Abwechslung zu geben, verband man den Männergesangverein schon früher mit Instrumental- Konzerten, Oratorien für gemischten Chor etc. So begann auch hier das Fest am 1sten Tag mit einem großen Conzerte, das Seidelmann und ich dirigirten. Der erstere leitete 1) die Fantasie für Clavier, Chor und Orchester von Beethoven 2) Arie aus Silvana v. Weber, gesungen von der Tuczeck und Arie aus Titus gesungen von der Babnigg. Ich dirigirte 1) die Jubel-Ouverture von Weber 2) Ouverture, Menuett, Rezitativ und Duett aus Faust, letzteres von den Opernsängern Rieger und Prawit gesungen und dann 3) die C moll-Sinfonie von Beethoven. Sämmtliche Piècen wurden makellos und mit feinster Schattirung gegeben, die Wirkung war in dem schönen akustischen Saale eine grandiose. Das wirklich prächtige Orchester bestand aus der Theaterkapelle und den besten übrigen Kräften Breslau’s. 20 erste und soviel 2te Violinen, 16 Viola, 14 Celli und 10 Contrabässe nebst den nöthigen Blas-Instrumenten bildete das Personale, zu Beethovens Fantasie war ein Chor von 200 Sängern thätig. Das Wetter war prächtig, von weit und breit strömten Fremde herbei. Der Saal befindet sich vor der Stadt in einem imposanten Garten, der viel Annehmlichkeiten bot; am 3ten Tage war Liedertafel in demselben von 800 Sängern und Abends im Theater Don Juan als Festvorstellung, wobei die Sänger freien Eintritt hatten. Die Einnahme betrug 3126 Thaler, Kosten 2000 Thaler. Ihre Faust-Ouverture machte eine gigantische Wirkung, die Figuren wurden vom Quartette so recht gemäht. Ich nahm sie mäßig, so daß Alles recht breit herauskam. Bei dem Eintritt des Blech am Ende in E Dur glaubte man der Saal müsse bersten. — In 14 Tagen will ich nach München zu dem großen Musikfest reisen, wo ja auch die Introduktion aus Jessonda daran kommt. Letztere Oper wurde am Sonntag recht gut bei uns gegeben. Kommen Sie doch auch nach München, das wäre prächtig. — Schreiben Sie nur recht bald gütigst, herzliche Grüße an Ihre Frau Gemahlin, sämtliche Verwandte und Freunde.
Wie immer Ihr

stets dankbarer Verehrer
Adolph Hesse.



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Hesse an Spohr, 03.04.1855. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Hesse an Spohr, 03.04.1856.

[1] Vgl. „Breslau”, in: Wiener medizinische Wochenschrift 5 (1855), Sp. 599.

[2] Der aus Breslau stammende Gustav Sobirey war am Kasseler Hoftheater als Musikdirektor angestellt.

[3] Vgl. J.B., „Das schlesische Jubelgesangfest zu Breslau”, in: Neue Zeitschrift für Musik 43 (1855), S. 97ff.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (02.05.2016).