Autograf: ehemals Privatbesitz Dr. Ernst Hauptmann in Kassel, vermutlich 1943 Kriegsverlust
Druck: Moritz Hauptmann, Briefe von Moritz Hauptmann, Kantor und Musikdirektor an der Thomasschule zu Leipzig an Ludwig Spohr und Andere, hrsg. v. Ferdinand Hiller, Leipzig 1876, S. 44f.

Leipzig, den 5. April 1855.

Lieber Herr Kapellmeister.

Es würde nicht eben einer besondern Veranlassung für mich bedürfen, Ihnen heute zu schreiben, in Gedanken wenigstens habe ich es jedes Jahr gethan, um Ihnen zu Ihrem lieben Geburtstag herzlich Glück zu wünschen. Möge er uns noch recht, recht oft wiederkommen und uns erfreuen. Sie haben sich Ruhm gesichert, der weit über die Zeit gehen wird, die unserm irdischen Dasein vergönnt ist, ich will den Künstler nicht getrennt wissen vom Menschen und nicht den Menschen vom Künstler. — In ihren Werken lieben wir auch Mozart, Haydn, Cherubini, Beethoven und S. Bach, eine andere Liebe ist es aber doch zu dem persönlichen Freunde, der ein solcher Meister ist, den möchten wir auch in der leiblichen Wirklichkeit immer gegenwärtig oder doch zugänglich, erreichbar wissen und daß wir dies bei Ihnen noch auf lange Zeit erwarten können, das ist unser Trost und unsere Freude. — Im letzten Concert wurde Ihre Weihe der Töne aufgeführt.1 Wie sehr ich selbst mich wieder an dem schönen Werk erbaute, so war's mir nicht minder erfreulich zu sehn, wie es auch auf den ganzen vollen Saal eine große, wohlthuende Wirkung ausübte, es war nach so viel modernem verschrobenen Musiciren, wie es die Neuzeit mit sich bringt, in der That eine Weihe der Töne, schöner Geist im schönen Leibe, ein Labsaal nach viel erlittenem Ungemach; die Concerte konnten nicht besser schließen als mit dieser Symphonie. Wie die wahre Freiheit nur in der Gebundenheit bestehen kann, wie die Ungebundenheit unfrei und beängstigend ist, das kann man in dem Unterschiede der ächten und unächten Kunst tief genug fühlen! das concentrirt in sich abgeschlossene Kunstwerk spricht klarer Unaussprechliches aus, als es das gestaltlos willkürlich zusammengefügte mit all seinen gehäuften Intentionen zu thun vermag. Was immer an der Gränze des Zulässigen und des Faßlichen sich herumbewegt, sich überbietet und aus sich heraus möchte, weil's ihm überall zu eng wird, läßt eben nur die Beschränkung empfinden, die bei einem vernünftigen Wollen gar nicht da ist. Das kleinste Ganze ist ein Unendliches, das größte Unganze, in sich nicht in allen Theilen vermittelt und bedingt, bleibt ein angstvoll Bedürftiges, das uns nur Mangel empfinden lassen, uns nie zufrieden stellen kann. — Das ist eben der Mangel im Künstler selbst, der Mangel an Pünktlichkeit, vernünftigem Wollen, zu dem der Kunstgeist wie Antonio zum Tasso spricht: „Wie Du nicht fordern solltest, kann ich nicht gewähren!"2

Autor(en): Hauptmann, Moritz
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Bach, Johann Sebastian
Beethoven, Ludwig van
Cherubini, Luigi
Haydn, Joseph
Mozart, Wolfgang Amadeus
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Die Weihe der Töne
Erwähnte Orte: Leipzig
Erwähnte Institutionen: Gewandhaus <Leipzig>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1855040533

http://bit.ly/2kXyuGN

Spohr



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Hauptmann an Spohr, 16.03.1855, danach könnte noch ein derzeit verschollener Brief liegen. Spohr beantwortete diesen Brief am 13.04.1855.

[1] Zum Konzert „zum Besten der Armen“ am 29.03.1855 vgl. Alfred Dörffel, Geschichte der Gewandhausconcert zu Leipzig vom 25. November 1781 bis 25. November 1881, Leipzig 1884, S. 186.

[2] Dort: „Wie du nicht fordern solltest, folg ich nicht“ (Johann Wolfgang von Goethe, Torquato Tasso II,4, in: Goethes Werke, Bd. 6, Tübingen 1807, S. 95-236, hier S. 153).

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (24.02.2017).