Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.2 <18541114>

Breslau, den 14 November
1854.

Mein hochgeehrter Freund und Gönner!

Es wäre längst meine Pflicht gewesen, an Sie zu schreiben, und Ihnen nochmals für das viele genossene Liebe und Gute zu danken; ich wartete damit indeß noch ein Weilchen, um einigen Stoff zu sammeln. Meine Rückreise ging gut von Statten. Ich kam an demselben Abend noch nach Dresden, und hörte dort eine prächtige Aufführung des Don Juan; zwei Tage blieb ich und besuchte meine Bekannten, dann reiste ich nach Breslau und fand hier alles in gewöhnlicher Ordnung vor. Mosevius gab zum Besten der Überschwemmten mit seiner Akademie und einem großen Orchester (zusammen 250 Personen) in der Aula Kyrie und Gloria aus Cherubinis Messe in D; schon im vorigen Sommer führte er sie ganz auf. Das Werk hat viel Schönes, ist indeß viel zu lang und oft zu theatralisch. Darauf folgte die Walpurgisnacht von Mendelssohn, eine sehr geistreiche und interessante Komposition. Beide Werke wurden sehr gut ausgeführt. – Im Theater wird jetzt Lohengrin von Wagner gegeben.1 Der erste Akt ist schön und enthält nichts Störendes, doch die anderen beiden sind theilweise sehr langweilig und für den Musiker bezüglich der Harmoniefolgen oft widerwärtig. Ich habe mit einem einmaligen Hören genug. Dahingegen hatten wir am vorigen Donnerstage einen schönen, ungetrübten Genuß. Wir gaben in unserem Abonnementskonzerte der Theaterkapelle Ihre Weihe der Töne, die prächtig ging. Da wir sie jeden Winter aufführen, so brauchte ich nur eine kurze Probe zu halten, sie war jedem noch gegenwärtig. Sie ging sehr rein, mit feinster Schattierung und entzückte, wie immer, das Publikum. Es ist aber auch ein Prachtwerk; schöne Melodien, Frische der Erfindung, geistreiche Kombinationen und überall Wohlklang, trotz großer kontrapunktischer Kunst; ich schwelge noch im Nachgenuß, eben so wie in dem der herrlichen Doppelquartette, welche ich bei Ihnen in so meisterlicher Ausführung hörte. Das 4te wollte mir anfänglich nicht so gefallen, doch in Ihrem Saale, wo alles deutlich und schön hervortrat, war ich sehr befriedigt davon. Blecha spielte in der Weihe der Töne auf einer Joseph Guarneri für 1400 Thaler, einem Prachtinstrumente, die ihm der Instrumentenmacher Zitt aus Prag geliehen hat. Schon vor einem Jahre hat er ein italienisches Quartett dem Blecha für seine Matinéen geschickt, das die Schüler angekauft haben. Vorgestern am Sonntage abends 5 Uhr hatte Breslau eine eigenthümliche Abendunterhaltung. Die St. Salvator-Kirche am Schweidnitzer Thore an der äußeren Promenade gelegen unfern des Theaters, ging in Flammen auf.2 Da das alte, große Gebäude von Holz war, frei stand, und der Wind heftig blies, so war, trotz augenblicklicher und umfangreicher Hülfe und der Nähe des Stadtgrabens nichts zu machen. Sie brannte vollständig ab, und gewährte einen imposanten Anblick; einem Brillantfeuerwerke ähnlich. Das Publikum hatte sich auf der Promenade vis a vis sehr zahlreich eingefunden, und betrachtete den Brand wie ein Theaterstück. Es wurde das Ende vollständig abgewartet, d. h. der Einsturz des Thurmes; so wie das vorüber war, gingen die Leute befriedigt nach Hause. Großes Bedauern fand nicht statt; die Kirche versperrte die Aussicht und sah nicht gut aus, außer wie sie brannte, also nur einmal seit 300 Jahren. — Nach 7 Uhr Abends wußte man kaum mehr, daß eine Kirche dort gestanden; so gründlich ist alles verbrannt. Der mit imposanten Gebäuden besetzte Platz ist nun frei, und will man das Denkmal des vorigen Königs dorthin setzen. Schrecklicher war kürzlich der kolossale Brand des Gasthofs und Tanzsaales Zum russischen Kaiser in der Odervorstadt, eines großen massiven Eckhauses mit zwei Fronten von 20 und 12 Fenstem; das Haus gerieth durch gesprungene Gasröhren über und über in Brand und gewährte einen furchtbaren Anblick.3 — Sollten Sie diese Feuergeschichten nicht vergessen, so würde deren Mittheilung den Herren Sobirey und Stolz von großem Interesse sein. Weiter wüßte ich nichts zu schreiben, als daß der Winter mit ungeheurem Schneetreiben und großen Massen seit gestern bei uns eingekehrt ist. – Also noch tausend Dank für alle Genüsse; empfehlen Sie mich Ihrer Frau Gemahlin und allen lieben Ihrigen, H. u. Fr. v. Malsburg, dann H. Bott, Sobirey, Stolz u. Schloß ergebenst und freundlichst.
Mit vorzüglicher Verehrung

Ihr
dankbarer
Adolf Hesse



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Hesse an Spohr, 18.04.1854. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Hesse an Spohr, 03.04.1855.

[1] Vgl. „Neue und neueinstudirte Opern”, in: Neue Zeitschrift für Musik 41 (1854), S. 230f., hier S. 231; „Theaterneuigkeiten”, in: Deutsches Museum 4 (1854), S. 925.

[2] Vgl. J.S., „Brand der Kirche und Orgel zu St. Salvator in Breslau”, in: Urania 12 (1855), S. 155f.

[3] Vgl. „Breslau, 2. November”, in: Leipziger Zeitung (1854), S. 5566.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (02.05.2016).