Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Dem General Musikdirector u. Kapellmeister
Herrn Dr L. Spohr.
Kassel.

d.f.(???)


Hochgeehrter Herr Kapellmeister

Indem ich Hildebrand‘s freundlichsten Grüßen, die ich Ihnen schon längst hätte schreiben müssen, meine besten Empfehlungen an Sie und Ihre geehrte Frau Gemahlin beifüge, und indem ich von ganzem Herzen hoffe und wünsche, daß diese Zeilen Sie im allerbesten Wohlsein antreffen mögen, wage ich es, in Ihr Gedächtniß mich nochmals durch eine Bitte zurückzurufen.
Schon seit einiger Zeit verbreitete sich hier das Gerücht, Madame Goldschmidt beabsichtige von Neuem eine Kunstreise nach Amerika, wolle mit einem Orchester, das sie hier in Deutschland zu diesem Zwecke sich engagirt herüber; und da bei mir schon seit langem der Wunsch rege, auch einmal Amerika zu sehen so darf mir wohl eine Gelegenheit auf solche Weise als engagirt hierüber zu gehen, außerordentlich beachtungswerth erscheinen. Bernhard Hildebrand, da er Goldschmidt‘s kennt, versprach mir einmal deswegen zu schreiben, [???] ich mich jedoch sogleich hauptsächlich auf Ihre Güte und da ich weiß daß Sie, hochgeehrter Herr Kapellmeister die frühere Jenny Lind so gut kennen, so erdreiste ich mich, Sie um geneigte Fürsprache zu bitten und wenn es Ihnen nicht zu viele Umstände macht, meinen Namen Goldschmidt‘s freundlichst erwähnen zu wollen. Mein Aufenthalt hier in Hamburg und daß ich dadurch sogleich am Platze, wäre für die Unternehmerin ja wohl auch in mancher Beziehung angenehm und schmeichle ich mir durch ein Wörtchen von Ihnen dann ganz besonders beachtet zu werden. Der englischen Sprache bin ich ganz mächtig, was vielleicht Frau Goldschmidt nicht unlieb und ist meine Stellung hier für den Fall der Reise eine ganz unabhänigige. Meine Zeit wende ich zum fleißigen Fortstudiren an, wobei Ihre herrlichen Compositionen stets mein Journal, ich unterrichte spiele Quartett und bin überhaupt und durchaus nur privatim bis jetzt beschäftigt. Bei Lehmann‘s(?)1 und andern Bekannten von mir, haben wir wiederholt uns mit Ihren wundervollen Trios und Quartetts Ihrer erinnert, aber ganz besondere Freude habe ich an Ihren prachtvollen Liedern diesen Winter gehabt, ich glaube Fräulein Hildebrand2 und ich haben sie alle durchgesungen, besonders eifrig die Sonate „An Sie am Klavier“; und wie oft haben Bernhard Hildebrand und seine Schwester mir nicht das Duett aus Jessonda vorsingen müssen. – Ich begleite die Sachen gar zu gern und ist es mir dann sehr3 wohlthuend, in der schönen Musik solchen Anklang findend, wenn in4 [???]besonders durch Hildebrands so angenehm an Sie und Ihre Frau Gemahlin erinnert. Was Musik anbetrifft, so bin ich mit dem Bernhard auch so ganz ein Herz und eine Seele. – Augenblicklich bin ich fleißig dabei, eine Klavierstimme zu Ihrem Duett für Violine und Cello zu schreiben über Jessonda (Op. 64), es macht mir viel Mühe, ist aber schon zu Hälfte fertig; wir haben es schon zusamen gespielt, freuen uns aber besonder darauf, es dann mit Klavierbegleitung endlich zu haben, es ist gar zu schön.
Damit Sie aber hochgeehrtester Herr Kapellmeister nicht5 zu sehr an meinem Schreiben sich6 langweilen will ich nur schnell abbrechen, sonst finde ich das Ende bei solchen Sachen doch nie.
[Noch]mals bitte ich um Verzeihung, [daß ich] Sie so häufig mit Bitten von mir belästigt und verbleibe ich nun in der Hoffnung auf Ihr ferneres geneigtes Wohlwollen

mit ganz besonderer Hochachtung
und unveränderter
aufrichtigster Dankbarkeit
Ihr
Fritz Schmidt.

den 10ten Mai. 1854.
7. Rathhausstraße.
Hamburg.

Autor(en): Schmidt, Fritz
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Hildebrand-Romberg, Bernhard
Lehmann, Carl
Lind, Jenny
Schmidt, Bernhardine
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Potpourris, Vl Vc Orch, op. 64
Spohr, Louis : Sonatinen, Ten Kl, op. 138
Erwähnte Orte: Hamburg
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1854051040

http://bit.ly/2ZJ1WSq

Spohr



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Schmidt an Spohr, 15.04.1853. Spohrs Antwortbrief ist derzeit verschollen.

[1] Noch nicht ermittelt; vielleicht die Familie des „Gesang- und Pianofortelehrers“ A.F. Carl Lehmann (vgl. Hamburgisches Adreß-Buch (1854), S. 195)?

[2] Schmidts spätere Frau Bernhardine.

[3] Hier gestrichen: „zu“.

[4] „in“ über der Zeile eingefügt.

[5] Hier gestrichen: „gar“.

[6] „sich“ über der Zeile eingefügt.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (08.07.2020).