Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.2 <18540418>

Breslau d. 18 April 1854

Hochverehrter Freund und Gönner!

Längst hätte ich Ihnen geschrieben, wäre Stoff vorhanden gewesen; so aber ging alles seinen gewöhnlichen, ruhigen Weg fort, d. h. in der Kunst, während die Politik alle Interessen in Anspruch nimmt. Das ist nun so etwas für Sie, wie gern möchte ich Sie nun einmal darüber sprechen hören. Was uns dieser Sommer in dieser Hinsicht bringen wird, mag Gott wissen, da man wohl jetzt noch nicht klar zu sehen vermag. Am 5ten wollte ich Ihnen zum Geburtsfeste gratuliren, als Vieuxtemps hier ankam, ich sparte daher mein Schreiben an Sie noch auf, um Ihnen auch hierüber berichten zu können, und wünsche Ihnen nun vor allem noch lange eine so kräftige, dauernde Gesundheit, wie Sie dieselbe bisher genossen haben. Das Übrige ist ja Alles da, und bedarf keines Wunsches. Unsere Konzerte haben auch in diesem Winter wieder stattgefunden unter ungeheurer Theilnahme des Publikums. Mosevius gab in der Aula den Davidde penitente von Mozart und die Jahreszeiten von Haydn. Die Gebrüder Müller aus Braunschweig erfreuten uns durch 7 herrliche Quartett- soireen, die ungemein besucht waren, und wo wir auch unter Andern Ihr schönes A moll quartett in 6/4 op. 591 vollendet hörten. Später gab Blecha noch mit Mitgliedern der Theaterkapelle 6 Quartettmatinéen, die ebenfalls sehr besucht waren, und in denen ich, so wie in einigen Konzerten, mehrfach Klavier spielte. Vieuxtemps gab ein Konzert im Saale und wir im Theater unter großem Zulauf. Er ist ein sehr bedeutender Geiger (wir hörten ihn ja auch in London zusammen), namentlich interessierte mich ein neues Konzert in d moll (aus 4 Sätzen bestehend, es hat auch ein Scherzo) sehr, das in Erfindung, Harmonie und G seinen Effecten in der Instrumentirung sehr interessant und sinfonieartig gehalten ist. Er spielte dann noch eines in E dur, und das Beethovensche in d. Doch wir Altgläubigen werden bei ihm doch von so Manchem gestört. Die schwächere Besaitung, der große Konsum des Bogens, die oft übertriebene Leidenschaftlichkeit im Vortrage, die Flageoletpfeifferei, das Reißen und Schnalzen auf der schwachen G-Saite, sind Dinge, die ich, im Andenken an die mir von Ihnen gewordenen unge- trübten Hochgenüsse, nicht goutire. Dann spielt er auch viel schlechtes Zeug, um dem großen Publikum genug zu thun, wie Yankeedoodle2, Hexenvariationen von Paganini, den Karneval in Venedig. Interessant war sein Vortrag der alten Teufelssonate von Tartini, die zwar einen langen Zopf hat, aber doch von großer Schwierigkeit ist. Ich habe in der Zeitung Einiges über das ältere und neuere Virtuosenthum gesagt und sende es Ihnen mit. — Ihre werthe Frau Gemahlin, so wie Alle die lieben Ihrigen befinden sich doch wohl? Empfehlen Sie mich Allen, so wie sonstigen Bekannten und Freunden hochachtungsvoll. Denken Sie, hochverehrter Freund, inmitten der Politik auch an mich und erfreuen mich recht bald mit einigen Zeilen, die ich immer mit großer Freude begrüße.

Wie immer Ihr dankbarer Verehrer
Adolph Hesse.



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Hesse an Spohr, 18.10.1853. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Hesse an Spohr, 14.11.1854.

[1] Dies ist sicherlich ein Schreibfehler Hesses; der Beschreibung nach handelt es sich um op. 74.1.

[2] Vieuxtemps op. 17.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (29.04.2016).