Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 2° Ms. mus. 1500[Sp. 75,57

Sr. Wohlgeb.
Herrn Musikdirektor
Ferdinand Böhme
Dortrecht.
Holland.

frei.1


Cassel den 11ten
April 1853.

Hochgeehrter Herr,

Sie haben sich durch Ihren freundlichen und herzlichen Glückwunsch zu meinem Geburtstage auch dieses Jahr, wie schon früher, recht sehr erfreut, und wenn ich Ihnen nicht jedes Mal meinen Dank dafür sogleich ausgesprochen habe, so bitte ich es damit zu entschuldigen, daß ich in dieser Zeit besonders mit Correspondenz überhäuft bin. – Ich darf jedoch seit Anstellung des Concertmeisters Bott,2 als zweiter Capellmeister, nicht mehr über Überbürdung in Berufsgeschäften klagen, indem mir durch ihn die Hälfte meiner bisherigen Arbeiten im Theater abgenommen werden ist. Auch hätte ich jetzt wieder Zeit, um größere Kompostionsarbeiten zu beginnen, flösse nur die Quelle der musikalischen Gedanken noch immer so reich wie in jüngeren Jahren. Doch sollte mich dieß nicht abhalten troz meiner 69 Jahre mich3 nochmals in einer größeren Arbeit, am liebsten in einem Oratorium, zu versuchen, wüßte ich nur einen guten, mir zusagenden Text aufzufinden! So habe ich mich seit einigen Jahren begnügen müssen nur Instrumentalkompositionen zu schreiben, und außer der 9ten Sinfonie „die Jahreszeiten“ die nun im Stich erschienen ist, einige4 Quartetten, ein Quintett und ein 3tes Heft Salonstücke geschrieben. Drei dieser Kompositionen besitze ich aber noch im Manuskript, was ich nur5 allein vortragen kann. Denn mit dem Geigen geht es, wenn ich mich nicht täusche, noch immer jugendlicher und frischer wie mit dem Komponiren, obgleich ich es schon seit 5-6 Jahren aufgegeben habe, öffentlich zu spielen.
Recht sehr habe ich mich gefreut aus Ihrem lieben Brief zu ersehen, daß es Ihnen fortwährend gut geht, daß Sie interessante und belehrende Reisen machen und daß Ihr künstlerisches Streben und Ihre Arbeiten immer mehr Anerkennung finden.
Meine Nichte Rosalie hat für diesen Winter auf jede Reise verzichten müssen, weil ihre Harfe im Mechanismus6 unbrauchbar geworden war7. Ihr Vater hat zwar nun zwar diese Harfe gegen eine neue eingetauscht, die aber zu spät ankam, um nun noch vor Anbruch des Frühlings sich auf ihr genügend einüben zu können. Im nächsten Herbst gedenkt sie aber Holland zu besuchen.8
Ich werde, begleitet von meiner Frau, während der Ferienzeit wieder nach London gehen um Jessonda, auf dem italiänischen Theater, und die 2 letzten Concerte der neuen Philharmonischen Gesellschaft in Exeter Hall zu dirigiren. Hoffentlich wird es nicht wieder eine so barbarische Hitze seyn, wie im vorigen Sommer,9 wo uns durch sie fast jeder Genuß verkürzt wurde.
Leben Sie wohl. Von meiner Frau die freundlichsten Grüße!
Mit wahrer Hochachtung und Freundschaft ganz

der Ihrige
Louis Spohr.



[1] Auf dem Adressfeld befinden sich noch die Poststempel: „CASSEL / 11 / APR / 1853 / 3½ – 4 N“, „FRANCO“, „PADERBORN / 12 4 I.“ / HAMM“, „HAMM / 12 4 / DEUTZ“, und fast unleserlich „DORDRECHT / 13 / 4“

[2] Hier gestrichen: „auch“.

[3] „mich“ über der Zeile eingefügt.

[4] Nur op. 146 entstand 1851; die späteren Quartette nach Datierung auf den Autografen erst 1855 (op. 1852; vgl. Folker Göthel, Thematisch-bibliographisches Verzeichnis der Werke von Louis Spohr, Tutzing 1981, S. 254) bzw. 1856/57 (WoO 41 und 42; vgl. ebd., S. 302).

[5] „nur“ über der Zeile eingefügt.

[6] Vgl. Louis Spohr an Rosalie Spohr, 11.11.1852.

[7] „war“ über der Zeile eingefügt.

[8] Vgl. Louis Spohr an Rosalie Spohr, 16.05.1853.

[9] Hier ein Wort gestrichen („jedoch“?).

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (29.05.2020).