Autograf: Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg Frankfurt am Main (D-F), Sign. Mus. Autogr. A. Schmitt A 166

Seiner Wohlgeboren
Herrn Capellmeister L. Spohr
in
Cassel.

fco.


Hochverehrter Freund!

Hat es mich in der That doch gerührt, als ich Ihr gütiges Urtheil über meine Symphonie laß!1 - Daß war wahrer Balsam auf so manch Wunde, die mir fast von jeher geschlagen wurde. Während ich früherhin – und selbst vor kurzem noch – ähnliche Arbeiten – ohne alle Prätion darreichte, und zur Aufführung anbot, was war der Erfolg? Selbst von Leipzig aus? „es sei nicht romantisch genug etc. etc.“ war die Antwort! - hier im Museum und dem philharmonischen Verein – eben so.
Zum Glück verschlägt es mir nichts – und ich gehe und gieng – meinen Weg unbekümmert fort – vor wie nach, aber, daß man so willfhärig dem Neuen der so genannten Zukunftsmusik ist, und dieß zurücksetzt, mit einer Art Verachtung – als veraltet! ist doch ein recht schlimmes Zeigen der Zeit. Hat doch alles ein Recht auf Leben! Und daß Sie, hochverehrter Freund, gleiche Grundsätze haben, und dieß bestätigen – und es in demselben Concerte bestätiget haben, wo meine Symphonie aufgeführt wurde, freut mich ganz außerordentlich, wie wohl es mich von Ihnen nicht überrascht, da ich Ihren edlen Charakter, und Ihre Gerechtigkeitsliebe kenne – und oft bewundert habe.
Empfangen Sie meinen besten Dank für diese so promte Zurücksendung, die den Frankfurtern – zum Muster dienen könnte.
Was gäbe ich nicht in aller Welt darum, wenn Sie hier wären! Bei dem wirklich großen Kunstsinn hier, könnte es sich kaum fehlen, daß Frankfurt – hinsichtlich der Kunst – auf eine hohe Stufe gebracht werden könnte; Aber die Parteien sind zu arg – diejenigen, die oben anstehen u. den Stab(?) führen – so gehässig – dabei die Kunstpächter, die hinter den Gardinen ihr Wesen treiben, u. ihre Adjutanten agiren lassen – nein, Jammer u. Schande! Jedoch kann ich‘s nicht ändern!
Mein Sohn hat diesen Winter hier zugebracht, u. sich – wie ich es wünschte – da er kleine Theaters genug dirigirt u. Uebung hat – lediglich seiner Kunst gewidmet. Allgemein heißt es: daß er im Laufe dieses Winters unglaubliche Fortschritte gemacht hat.
Aber haben Sie eine Idee: Noch nicht einmal wurde dieser hier im Laufe dieses Winters aufgefordert, öffentlich zu spielen! Mit ganz Mittelmäßigem behilft man sich lieber, als ihn – der sie in der That Alle überflügelt – einmal aufzufordern! Und wie schülerhaft ist alles, was man so auftischt! Im Museum war ich diesen Winter nicht zweimal.
Gleichzeitig mit Ihrem lieben Brief, erhielt ich heute auch Brief von der Frau von Baumbach, der ohngefähr gleichen Inhalts war, wie der Ihrige. Sehr interessirt hat es mich, von der Frau von Baumbach zu hören, daß meine Symphonie heitereren Geistes sei, als meine Briefe an dieselbe. Ja freilich, die Weltquälerei, die hier nie aufhört, streif ich erst allemal ab, wenn ich etwas komponire, denn wenn der Geist nicht heiter ist, dächt ich(?), kann man auch nichts gesundes zutage fördern, sondern bekömmt immer einen Beigeschmack, so sehr man sich auch abmühen mag.
Bald fühle ich Lust, nach Kiel(???) zu gehen, um das Weltwunder dort zu sehen.2 Will noch mit meiner Frau deshalb akkordiren, da ich nicht gerne mehr Allein reise!
Und nochmals meinen herzlichsten, innigsten Dank für Ihre Güten, hinsichtlich meiner Symphonie. Bin ich dem Kinde doch jetzt etwas geneigter, wie früher, wo ich ihm auch gar nichts zu traute.
Indem ich Sie bitte, mich Ihrer verehrten Frau Gemahlin bestens zu empfehlen, so füge ich noch die Bitte bei: mich und meinen vortrefflichen Sohn, Georg Aloys, in gütigem Andenken zu behalten.
Mit hoher Verehrung

Ihr treuergebener
Freund Aloys Schmitt.

Frankfurt a/m den 20ten März
1854.

Erwähnte Personen: Baumbach, (Frau) von
Schmitt, Georg Alois
Erwähnte Kompositionen: Schmitt, Aloys : Sinfonien, Es-Dur
Erwähnte Orte: Frankfurt am Main
Erwähnte Institutionen: Museumsgesellschaft <Frankfurt am Main>
Philharmonischer Verein <Frankfurt am Main>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1854032045

http://bit.ly/2H4VyKL

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf einen derzeit verschollenen Brief von Spohr an Schmitt.
Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Schmitt an Spohr, 20.02.1855.

[1] Zur Aufführung in Kassel vgl. „Literatur- und Kunst-Notizen“, in: Didaskalia 27.03.1854, nicht paginiert.

[2] Noch nicht ermittelt.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (16.04.2018).