Autograf: ehemals Privatbesitz Dr. Ernst Hauptmann in Kassel, vermutlich 1943 Kriegsverlust
Druck: La Mara (= Pseud. für Marie Lipsius), Classisches und Romantisches aus der Tonwelt, Leipzig 1892, S. 153f.
Inhaltsangabe: Computerdatei von Herfried Homburg († 2008) nach einem Exzerpt von Franz Uhlendorff

Cassel, den 16ten März 1854.

Geliebter Freund,

Mit dem besten Dank sende ich beykommend die Partitur, Orchester- und Gesang-Stimmen sowie den Clavierauszug von Lohengrin zurück. — Nach unsäglicher Mühe mit den Solosängern und dem Chor habe ich endlich am vorigen Sonnabend in unserm 5ten Concert die beyden Musikstücke aus Lohengrin zur Aufführung gebracht. Sie erregten bey unserm Concertpublikum großes Interesse, da in neuester Zeit in öffentlichen Blättern so viel die Rede von Wagner und seinen Opern war; aber vielen Beyfall fanden sie nicht, und man hörte allgemein die Musik vom Tannhäuser vorziehen, vieleicht, weil das Publikum sich nun schon mehr an diese gewöhnt hat. Mir scheint, je mehr W. schreibt, um so mehr verliert sich aller natürliche Fluß, und es wird immer abgequälter. Es ist in dieser Musik nur die Vollstimmigkeit, die imponirt; aber der damit verbundene ewige Wechsel der Harmonien und Tonarten ermüdet schon bey diesen kurzen Bruchstücken so sehr, daß ich nicht begreife, wie man die ganze Oper ohne totale Erschöpfung in einer Folge wird anhören können. Ich komme immer mehr zu der Ueberzeugung, daß mit solcher Musik der Oper nicht wieder aufgeholfen wird! [...]
Meine Nichte Rosalie ist jetzt mit ihrem Vater1 in Holland und concertirt dort.2 Vorher war sie in Paris, um ihre Harfe bei Erard in Ordnung bringen zu lassen. Erard veranstaltete ihr ein Concert in seinem Salon3 und sie gefiel auch in Paris, dem Sitz der Harfenvirtuosität, nicht weniger wie in Holland, was mich hoffen läßt, daß sie in neuerer Zeit wieder Fortschritte gemacht hat. Nun mögte sie auch gern nach London gehen, - ich weiß aber nicht, ob ich dazu rathen soll, jetzt, wo man dort nur mit dem eben beginnenden Kriege4 beschäfftigt ist!
Leben Sie wohl! Die herzlichsten Grüße von uns allen an Ihre liebe Frau.
Mit wahrer Freundschaft ganz

der Ihrige
Louis Spohr.

Autor(en): Spohr, Louis
Adressat(en): Hauptmann, Moritz
Erwähnte Personen: Érard, Sébastien
Spohr, Rosalie
Spohr, Wilhelm
Erwähnte Kompositionen: Wagner, Richard : Lohengrin
Wagner, Richard : Tannhäuser
Erwähnte Orte: Kassel
Paris
Erwähnte Institutionen: Hofkapelle <Kassel>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1854031603

http://bit.ly/2jC42kV

Spohr



Der letzte belegte Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Hauptmann, 10.12.1853. Der nächste überlieferte Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Hauptmann, 03.04.1854.
Uhlendorffs Inhaltsangabe bestätigt die Textüberlieferung im Druck: „Über R. Wagners Lohengrin“.

[1] Wilhelm Spohr.

[2] Vgl. Kist, „Maatschappij tot bevordering der Toonkunst, Afdeling Utrecht“, in: Caecilia 11 (1854), S. 63ff., hier S. 64; „Amsterdam. Felix Meritis“, in: ebd., S. 71-74, hier S. 72; „'sGravenhage“, in: ebd., S. 74ff., hier S. 74.

[3] Vgl. „Mlle Rosalie Spohr“, in: Revue et gazette musicale de Paris 21 (1854), S. 76.

[4] Der Krimkrieg.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (02.02.2017).