Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Hochgeehrtester Herr Generalmusikdirektor!

Unser Fürst wünscht durch Ew. Hochwohlgeboren zu erfahren, ob vielleicht Ende nächsten Monats oder Anfang Februar die Oper „Tannhäuser” in Cassel gegeben wird.1 Der Fürst wünschte diese Oper gern in Cassel zu sehen, und wäre die oben erwähnte Zeit für ihn die günstigste, um auf einige Tag abkommen zu können.
Vorigen Monat war Ihr Hr. Bruder und Fräulein Tochter Rosalie hier. Rosalie spielte einmal bei Hofe und Tags darauf im Theater unter größtem Beifall. Die fürstl. Familie war äußerst freundlich gegen Beide, und wurden sie nach dem Hofconcert zur Tafel gezogen, welche Ehre noch keinem fremden Künstler zu Theil geworden ist, selbst dem Götzen Liszt nicht. Auch in pecuniärer Hinsicht war der Ertrag für Detmold ein guter zu nennen. Der Fürst gab 12 Louisdor und das Concert trug auch noch über 80 Tlr ein. Meine geringe Mühe wurde reichlich durch das schöne Spiel der Fräulein Rosalie und auch namentlich dadurch belohnt, einem Mitglied Ihrer hochverehrten Familie nützlich gewesen zu sein.
Da ich in nächster Zeit Ihre herrliche Oper „Faust” neu einzustudiren gedenke, so wünschte ich von Ihnen zu erfahren ob ich die neu componirten Musikstücke2 bekommen könnte und wie hoch sich das Honorar dafür belaufen würde. In den Abonnemets-Concerten dieses Jahr wurde bis jetzt von Ihrer Composition aufgeführt:
Sinfonien – Die Jahreszeiten 2 mal
Doppel- Sinfonie3
Ouverture zu Faust
9tes Concert
11 -
12 –
Arie mit Chor – (und wenn sie alle weichen.”4
Überhaupt würden Sie sich freuen ansehen zu können, mit welcher Begeisterung Ihre Werke hier in dem kleinen Detmold gegeben und aufgenommen werden.
Mit der Bitte mein obiges Anliegen gütigst berücksichtigen zu wollen verharre ich als Ew. Hochwohlgeb

gehorsamster und
dienstwilligster
AugKiel

Detmold d. 15ten Dezembr. 1853



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Kiel an Spohr, 09.05.1850. Spohr beantwortete diesen Brief am 20.12.1853.

[1] Richard Wagners Tannhäuser war 1853 erfolgreich in das Kasseler Repertoire gekommen (vgl. „Tannhäuser in Cassel”, in: Neue Zeitschrift für Musik 39 (1853), S. 71).

[2] Spohr hatte 1852 für London eine Rezitativ-Fassung der früheren Dialog-Oper erstellt.

[3] Irdisches und Göttliches im Menschenleben.

[4] Aus Des Heilands letzte Stunden.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (30.06.2016).