Autograf: Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg Frankfurt am Main (D-F), Sign. Mus. Autogr. A. Schmitt A 162

Seiner Wohlgeboren
Herrn Capellmeister L. Spohr
in
Cassel.

frei


Hoch und inngist verehrter Freund!

Wohl weiß ich und fühle es, daß und wie unbescheiden ich heute bin! aber eben so weiß und fühle ich: welch edlen Freund ich an Ihnen habe, der mir gewiß die Zudringlichkeit heutiger Art nicht über nimmt, um so mehr: als mein Vertrauen zu Ihnen in der That grenzenlos ist.
Wenn ich mich bisher als Freund an Sie wandte, so wende ich mich heute in zweierlei Art und Gestalt an Sie, nehmlich: der Freund an den edlen Freund, und der Vater an den Vater, denen Sie Beiden gewiß verzeihen. Es betrifft meinen vortrefflichen Sohn Georg Aloys, und Dessau, u. die Stelle dort.
Und wenn Sie dort auch nicht persönlich bekannt sind, u. dort auch keinen Bekannten haben, so ist Ihr Name ein so gefeierter, daß eine Empfehlung – meine Erachtens – von doppeltem Gewichte von Ihnen ist, gerade darum: weil Sie persönlich nicht bekannt sind, u. einer edlen Sache das Wort reden, die es in der That auch ist, denn wirklich: einen solchen Kunstjünger, wie mein Sohn,werden Sie jetzt schwerlich in der Welt finden. Rührend(???) ist‘s, lernt man den edlen Aloysius näher kennen, in seiner Kunst u. Leistung, so wie – was den Menschen betrifft, was denn doch etwas ist.
Den Namen des Intendanten dort in Dessau, werden Sie wohl leicht erfahren können, u. ich bin überzeugt, daß derselbe große Augen machen wird, wenn er von Ihnen und Ihrer Hand einen Empfehlungsbrief erhält. Ist mir – als so viel Unbedeutenderen – noch vor Kurzem eine ähnliche Freude zutheil geworden, als ich einer hohen Person - die mich persönlich gar nicht kennt – einen jungen Mann empfohlen habe, und wo meine Empfehlung – vor allen Uebrigen – berücksichtigt wurde.
Das heut zutage – bei Besetzung ähnlicher Stellen – weit weniger – und viel zu wenig – auf wirkliches Verdienst gesehen wird, als auch die Art: wie man es zu manipuliren versteht, wird Ihnen wohl auch bewußt sein; und die1 mein Sohn – u. für die jetzige Welt viel zu unschuldig, so wäre es prächtig, gelänge es einmal: daß dem wirklichen Talent u. Verdienst sein Recht würde, ohne die jetzigen Connexionen und Kunstgriffe.
Sollten Sie sich entschließen können, etwas für die Sache zu thun, so dürfen Sie – auf mein Wort u. Risico – schon etwas Ungewöhnliches von meinem Sohn u. dessen Fähigkeit als Director, Componist u. Claverspieler etc sagen, u. ich hege sogar die feste sichere Ueberzeugung, daß mein Sohn Ihrer Empfehlung so gar Freude u. Ehre machen wird, andern falls ich gewiß nicht gewagt hätte, auch nur en Wort an Sie zu richten.
Verzeihen Sie mir nur meine Freiheit und Unbescheidenheit! Ich konnte es gar nicht über mich gewinnen, an mich zu halten – u. die Feder zurückzuhalten, zudem, die ich im Leben überhaupt mir nie genug thun kann, u. immer meine: ich hätte doch mehr thun können.
Indem ich mich Ihrer hochverehrten Frau Gemahlin bestens empfehle, u. nochmals um Verzeihung bitte, so bin ich u. bleibe lebenslang

Ihr Sie hochverehrender
Aloys Schmitt.

Frankfurt a/m d 11ten December
1853.

Erwähnte Personen: Schmitt, Georg Alois
Erwähnte Kompositionen:
Erwähnte Orte: Dessau
Erwähnte Institutionen: Hoftheater <Dessau>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1853121145

http://bit.ly/2EW6Uni

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Spohr an Schmitt, 09.12.1853. Spohrs Antwortbrief ist derzeit verschollen.

[1] Hier ein Wort gestrichen.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (27.02.2018).