Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.2 <18531018>

Breslau d. 18. Oct 53.

Mein hochverehrter Freund u Gönner!

Nachdem ich mich nun seit einigen Wochen meinen Geschäften wieder regelmäßig hingegeben, erscheint mir meine Reise wie ein schöner Traum, der, von meinem hiesigen Berufsleben vor und nach der Reise eingerahmt, wie ein schönes Bild mit den herrlichsien Farben hervortritt. Freundschaft, Kunst und Natur vereinigten sich aber auch so schön, daß ich nichts zu wünschen übrig hatte. — Nehmen Sie nochmals meinen tiefgesühltesten Dank für alles Liebe, Gute und Schöne, das ich durch Sie genossen. Um so düsterer trat mir der Sonnabend meiner Abreise von Kassel hervor; er war regnerisch; und eine 12stündige Fahrt im engen, ganz besetzten Postwagen war bei fortwährendem Regengusse nicht geeignet einen Vergleich mit den früheren schönen Tagen vorteilhaft ausfallen zu lassen. Um 6½ Uhr Abends langte ich in Alfeld an, und fuhr nach 2 Stunden mit der Eisenbahn bis Hannover. Ich stieg dort im Hotel de Russie (im neuen Stadttheile)1 ab und besuchte am andern Morgen Marschner, der in demselben Hause wohnt. Ich blieb wohl 2 Stunden bei ihm; er sang mir auch aus seiner neuen Oper Austin Mehreres vor. Von den Sängern des Hoftheaters machte er mir keine vortheilhafte Schilderung; ich fand sie leider bestätigt. Abends wurden die Hugenotten gegeben. Das Haus ist brillant und luxuriös, doch soll es in den Garderoben und auf der Bühne verbaut sein. Das Orchester ist stark, schön und rein. Ein Tenor, H. Sowade war schrecklich, seine Stimme ist hin und sein Detoniren unerträglich, eben so der in Berlin abgetakelte Bötticher, der nur noch grunzt und tremolirt. Mad. Nottes und Frau Babnigg waren gut. — Joachim war nicht anwesend, sondern schon nach Karlsruhe abgereist, wo nach den Zeitungsberichten das Musikfest sehr schlecht ausgefallen ist. Mehreres wurde ganz umgeworfen, manches kam wegen Mangel an Zeit zur Probe gar nicht zur Aufführung. Wie kann auch etwas unter der Leitung eines in jeder Hinsicht so untergeordneten Menschen, wie Lißt gehen.2 Die Ouverture zum Tannhäuser mußte wegen Tonverwirrung nach 20 Tacten wieder von vorn angefangen werden, und im letzten Satz der 9ten Sinfonie ging jeder seinen eigenen Weg; am besten, schreibt man, ist das Sackhüpfen, Stangenlaufen etc., mit einem Worte: das Volksfest abgelaufen. Ritmüllers große Konzertflügel haben mich sehr erfreut, er hat eine Niederlage derselben in Hannover und ist selbst dort. Am anderen Tage fuhr ich bei einem Wunderwetter, es war ein Orkan mit Regenguß, nach Braunschweig. Dort verlebte ich 2 sehr angenehme Tage im Hause Ihres Herrn Bruders.3 Man freute sich, mich so unverhofft zu sehen, wir musizirten sehr viel; Harfe und Klavier hatten nicht viel Ruhe, auch lernte ich Ihren andern H. Bruder, den Kammerassessor4 kennen, und war bei ihm eingeladen. Die lieben Mädchen führten mich in der Stadt herum und waren so harmlos, heiter und gemüthlich, daß ich mich ganz heimisch fühlte. Die Gebrüder Müller spielten mir 2 Quartetten von Beethoven vor; beide in F, nämlich
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und das allerletzte Beethovens, das viel tolles Zeug enthält, aber so einstudirt und vorgetragen interessant zu hören war. — Die Müllers werden auf ihrer Reise nach Wien in 8 Tagen auch nach Breslau kommen und 4 Quartettabende veranstalten. — Unsere Winter-Abonnementskonzerte der Theaterkapelle haben wir mit Ihrer schönen Es dur-Sinfonie eröffnet, die auch so wunderschön Kunst und Natur vereint; sie ging ganz vortrefflich. Haben Sie einmal ein Stündchen für mich, so erfreuen Sie mich mit einigen Zeilen; empfehlen Sie mich Ihrer Frau Gemahlin, H. und Frau von der Malsburg (der schöne, dort verlebte Tag wird mir unvergeßlich sein), Bott, Sobirey etc.
auf das Beste
Wie immer

Ihr dankbarer Verehrer
A. Hesse.



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Hesse an Spohr, 01.06.1853. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Hesse an Spohr, 18.04.1853.

[1] Das „Ernst-August-Stadttheil” um den neuerbauten Bahnhof, in dem für die Reisenden auch mehrere Hotels entstanden (vgl. Der Führer durch die Residenzstadt Hannover und ihre Umgebungen für Fremde und Einheimische, Hannover [1855], S. 57).

[2] Liszt setzte sich gegen die Angriffe gegen seine Leitung zu Wehr in: „Ein Brief von Franz Liszt”, in: Neue Zeitschrift für Musik 39 (1853), S. 267f.

[3] Wilhelm Spohr.

[4] August Spohr.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (29.04.2016).