Autograf: nicht ermittelt
Druck 1: Otto Lessmann, „Richard Wagner‘s letzte Briefe an Louis Spohr”, in: Allgemeine deutsche Musik-Zeitung 11 (1884), S. 264f.
Druck 2: Richard Wagner, Sämtliche Briefe, Bd. 5, hrsg. v. Gertrud Strobel und Werner Wolf, Leipzig 1985, S. 429ff.

Lieber hochverehrter Herr und Freund!

Dass ich Ihnen so lange nicht geschrieben, dürfte gewiss schwer zu erklären sein, wenn die einfachste Erklärung nicht gestattet würde, nämlich dass ich von zu bedeutendem Vorsatze niemals zur Ausführung kam. Ich fühlte, daß ich Ihnen einen reichen mannichfaltigen Brief zu schreiben hätte, und während ich die günstige Stimmung dazu abwarten wollte, verstrich die Zeit bis heute, wo ich dem Uebel einfach damit ein Ende mache, daß ich mir vorneme, in Kürze Ihnen eben nur meinen herzlichsten und gerührtesten Dank für Ihre Freundschaft zu sagen.
Vielleicht ist es auch so am Besten, die letzten schwierigen und wunderlichen Jahre meines Lebens unberührt übergehen zu dürfen: wie wären Ende und Anfang für eine briefliche Mittheilung zu finden, wen ich mich hierüber auf Besprechungen einlassen wollte, die doch nur wieder bei größter Ausführlichkeit irgendwie verständlich werden könnten. Genug, daß ich nach vier Jahren, wo ich zum letzten Male mit Ihnen mich berührte, jetzt Ihnen dankbar wieder die Hand reichen darf, und Ihnen sagen kann, dass wenig Begegnungen in meinem Leben so wohlthätig auf mich nachgewirkt haben, als die Ihrige.
Ich hatte für den „Tannhäuser“ in Cassel große Sorge1 und freue mich nun vor Allem darüber, zu erfahren, daß meine Arbeit Ihre Aufmerksamkeit und Theilnahme gewann und durch diese getragen, zu allmähligem Eingange und zu endlichem Erfolge vor dem Publikum gelangte. Natürlich dachte ich dabei immer nur an Sie, mein hochverehrter Meister und Freund, an die Liebe, die Sie mir schon bewiesen und selbst an die Rechtfertigung, die mir durch Ihre Freundschaft zu Theil wird. Seien Sie versichert, dass ich nur mit grosser innerer Erquickung dieser Bereicherung durch Sie inne werde und dass ich mit stiller aber stets warmer Theilnahme stets Sie und Ihr Wirken im Auge habe und verfolge.
Mit der Bitte, Ihrer werthen Frau Gemahlin mich bestens zu empfehlen, bleibe ich für immer und mit grösster innigster Verehrung

Ihr
dankbar ergebener
Richard Wagner.

Zürich, den 17. September 1853.

Erwähnte Personen:
Erwähnte Kompositionen: Wagner, Richard : Tannhäuser
Erwähnte Orte: Kassel
Erwähnte Institutionen: Hoftheater <Kassel>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1853091743

http://bit.ly/2HFeMbn

Spohr



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Wagner, 29.07.1849. Spohrs Antwortbrief ist derzeit verschollen.

[1] Zu Spohrs Einschätzungen über seine Einstudierung des Tannhäuser vgl. Spohr an Rosalie Spohr, 16.05.1853; Spohr an Moritz Hauptmann, 11.06.1853.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (21.05.2019).