Autograf: ehemals Privatbesitz Dr. Ernst Hauptmann in Kassel, vermutlich 1943 Kriegsverlust
Druck 1: Louis Spohr, Louis Spohr's Selbstbiographie, Bd. 2, Kassel und Göttingen 1861, S. 356f.
Druck 2: LaMara (= Pseud. für Marie Lipsius), Musikerbriefe aus fünf Jahrhunderten, Bd. 2, Leipzig o.J., S. 67f.
Druck 3: Letters of Composers. An Anthology 1603-1945, hrsg. v. Gertrude Norman und Miriam Lubell Shrifte, New York 1946, S. 95f. (engl. Übersetzung)
Inhaltsangabe: Computerdatei von Herfried Homburg († 2008) nach einem Exzerpt von Franz Uhlendorff

((Cassel den 11ten Juni 1853

Geliebter Freund,

Beykommend sende ich Ihnen das Manuscript der Bach’schen Inventiones und 3stimmigen Sinfonien. Sie werden doch auch den interessanten Titel mit abdrucken lassen?1))
Gestern Abend hatten wir den Tannhäuser zum 3ten Mal, ((und es war wieder sehr voll)) <und wieder bei vollem Hause>. ((Der Lärm, den die neue Leipziger Musikzeitung geschlagen hat2, zieht doch viele Neugierige herbey! Eine Dame, neben der meiner Frau, kramte gestern Abend ihrer Umgebung ihre Lesefrüchte aus jener Zeitung aus, und sagte: „Richard Wagner hat mit dieser Oper eine ganz neue Catastrophe in der Musik gschaffen!“ Andere Fremde hatten aber geäußert: das sey ja gar keine Musik und waren nach dem 2ten Akt davon gegangen.)) Die Oper hat durch ihren Ernst und ihren Inhalt aber auch viele Freunde gewonnen, und vergleiche ich sie mit den andern Erzeugnissen der letzten Jahre, so geselle ich mich auch zu diesen. Manches, was mir anfangs sehr zuwider war, bin ich durch das öftere Hören schon gewohnt geworden; nur das Rhythmuslose und der häufige Mangel an abgerundeten Perioden ist mir fortwährend sehr ((zuwider)) <störend>. Die hiesige Aufführung ist wirklich eine sehr ausgezeichnete, und man wird wenige so präzise in Deutschland hören. In den enorm schweren Ensemblen der Sänger im 2ten Akt ist gestern auch nicht eine Note weggeblieben. Das hindert freilich nicht, daß sich diese an einigen Stellen zu einer wahrhaft schaudervollen Musik gestalten, besonders kurz vor der Stelle, ehe Elisabeth sich den auf Tannhäuser eindringenden Sängern entgegen wirft. - Was würden Haydn und Mozart für Gesichter ((schneiden)) <machen>, müßten sie einen solchen Höllenlärm, den man jetzt für Musik ausgiebt, ((einmal)) mit anhören. - Die Chöre der Pilger (die aber hier mit Clarinetten und Fagotten p((iano)) unterstützt werden) wurden gestern so rein intonirt, daß ich mich zum ersten Mal mit den gesuchten und unnatürlichen Modulationen derselben einigermaßen versöhnt habe. Es ist merkwürdig, woran sich das menschliche Ohr nach und nach gewöhnt! ((Ich kann mir nach diesen letzten Erfahrungen nun eher erklären, wie Mendelssohn, von Jugend auf mit Bach’scher Musik großgefüttert, zuweilen solche harmonische Härten, ja förmliche Übelklänge schreiben konnte! Es ist freilich noch gar nichts gegen das, was Schumann jetzt darin leistet!
Ich hoffe in diesem Jahr mit meinen Geschäften in London so bald fertig zu werden, daß wir bis Mitte Juli zurückkehren können. Dann treffen wir Sie und die lieben Ihrigen noch hier, und können hoffentlich noch einige Zeit zusammen bleiben.
Unter herzlichen Grüßen meine Frau an die liebe Ihrige, wie immer

Ihr
Louis Spohr))

Erwähnte Personen: Bach, Johann Sebastian
Haydn, Joseph
Mendelssohn Bartholdy, Felix
Mozart, Wolfgang Amadeus
Erwähnte Kompositionen: Bach, Johann Sebastian : Inventionen, Kl, BWV 772-786
Wagner, Richard : Tannhäuser
Erwähnte Orte: Kassel
Erwähnte Institutionen: Hoftheater <Kassel>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1853061103

http://bit.ly/2kgveoX

Spohr



Der letzte überlieferte Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Hauptmann, 12.03.1853. Der nächste belegte Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Hauptmann, 18.10.1853.
Der Text ist aus Druck 1 und Druck 2 kompiliert. Ergänzungen von Druck 2 gegenüber Druck 1 sind mit doppelten runden Klammern Klammern (( )) kenntlich gemacht, Ergänzungen von Druck 1 gegenüber Druck 2 mit dreieckigen <>.

[1] Hauptmann war Mitherausgeber der Bach-Ausgabe. Zum Titel des damals in Spohrs Besitz befindlichen Autografs zu den Inventionen von Johann Sebastian Bach vgl. F.C.S., Rez. „J.S. Bach's Werke, herausgegeben von der Bachgesellschaft in Leipzig, dritter Jahrgang”, in: Süddeutsche Musik-Zeitung 3 (1854), S. 135f., hier S. 135.

[2] Vgl. Th[eodor] Uhlig, „Ueber die Schlußscene in Richard Wagner's Tannhäuser”, in: Neue Zeitschrift für Musik 36 (1852), S. 245ff.; „Eine Lesefrucht en miniature”, in: ebd. 37 (1852), S. 137f.; Heinrich Gottwald, „Wagner's Tannhäuser in Breslau”, in: ebd., S. 207-210; Hoplit (= Richard Pohl), „Dredner Musik. Richard Wagner's Tannhäuser”, in: ebd., S. 210ff. und 220f.; [Richard Wagner], „Ueber die Aufführung des Tannhäuser. Eine Mittheilung an die Dirigenten und Darsteller dieser Oper vom Dichter und Tonsetzer desselben”, in: ebd. 37 (1852), S. 240-243 und 276ff. sowie 38 (1853), S. 4ff. und 14-18; ders., „Ueber Inhalt und Vortrag der Ouvertüre zu Wagner's Tannhäuser”, in: ebd., S. 23ff.; Joachim Raff, „Vertrauliche Briefe an den Verfasser des Aufsatzes ,Tannhäuser, Oper von Richard Wagner' in den ,Grenzboten' Nr. 9”, in: ebd., S. 113f., 136-140, 148ff., 159ff., 172-175, 180ff., 192-196 und 247-250.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (27.01.2017).

Gestern Abend hatten wir den Tannhäuser zum 3ten Mal, und wieder bei vollem Hause. Die Oper hat durch ihren Ernst und ihren Inhalt aber auch viele Freunde gewonnen, und vergleiche ich sie mit den andern Erzeugnissen der letzten Jahre, so geselle ich mich auch zu diesen. Manches, was mir anfangs sehr zuwider war, bin ich durch das öftere Hören schon gewohnt geworden; nur das Rhythmuslose und der häufige Mangel an abgerundeten Perioden ist mir fortwährend sehr störend. Die hiesige Aufführung ist wirklich eine sehr ausgezeichnete, und man wird wenige so präzise in Deutschland hören. In den enorm schweren Ensemblen der Sänger im 2ten Akt ist gestern auch nicht eine Note weggeblieben. Das hindert freilich nicht, daß sich diese an einigen Stellen zu einer wahrhaft schaudervollen Musik gestalten, besonders kurz vor der Stelle, ehe Elisabeth sich den auf Tannhäuser eindringenden Sängern entgegen wirft. - Was würden Haydn und Mozart für Gesichter machen, müßten sie einen solchen Höllenlärm, den man jetzt für Musik ausgiebt, mit anhören. - Die Chöre der Pilger (die aber hier mit Clarinetten und Fagotten p unterstützt werden) wurden gestern so rein intonirt, daß ich mich zum ersten Mal mit den gesuchten und unnatürlichen Modulationen derselben einigermaßen versöhnt habe. Es ist merkwürdig, woran sich das menschliche Ohr nach und nach gewöhnt! 

Cassel den 11ten Juni 1853

Geliebter Freund,

Beykommend sende ich Ihnen das Manuscript der Bach’schen Inventiones und 3stimmigen Sinfonien. Sie werden doch auch den interessanten Titel mit abdrucken lassen?
Gestern Abend hatten wir den Tannhäuser zum 3ten Mal, und es war wieder sehr voll. Der Lärm, den die neue Leipziger Musikzeitung geschlagen hat, zieht doch viele Neugierige herbey! Eine Dame, neben der meiner Frau, kramte gestern Abend ihrer Umgebung ihre Lesefrüchte aus jener Zeitung aus, und sagte: „Richard Wagner hat mit dieser Oper eine ganz neue Catastrophe in der Musik gschaffen!“ Andere Fremde hatten aber geäußert: das sey ja gar keine Musik und waren nach dem 2ten Akt davon gegangen. Die Oper hat durch ihren Ernst und ihren Inhalt aber auch viele Freunde gewonnen, und vergleiche ich sie mit den andern Erzeugnissen der letzten Jahre, so geselle ich mich auch zu diesen. Manches, was mir anfangs sehr zuwider war, bin ich durch das öftere Hören schon gewohnt geworden; nur das Rhythmuslose und der häufige Mangel an abgerundeten Perioden ist mir fortwährend sehr zuwider. Die hiesige Aufführung ist wirklich eine sehr ausgezeichnete, und man wird wenige so präzise in Deutschland hören. In den enorm schweren Ensemblen der Sänger im 2ten Akt ist gestern auch nicht eine Note weggeblieben. Das hindert freilich nicht, daß sich diese an einigen Stellen zu einer wahrhaft schaudervollen Musik gestalten, besonders kurz vor der Stelle, ehe Elisabeth sich den auf Tannhäuser eindringenden Sängern entgegen wirft. - Was würden Haydn und Mozart für Gesichter schneiden, müßten sie einen solchen Höllenlärm, den man jetzt für Musik ausgiebt, einmal mit anhören. - Die Chöre der Pilger (die aber hier mit Clarinetten und Fagotten piano unterstützt werden) wurden gestern so rein intonirt, daß ich mich zum ersten Mal mit den gesuchten und unnatürlichen Modulationen derselben einigermaßen versöhnt habe. Es ist merkwürdig, woran sich das menschliche Ohr nach und nach gewöhnt! Ich kann mir nach diesen letzten Erfahrungen nun eher erklären, wie Mendelsohn, von Jugend auf mit Bach’scher Musik großgefüttert, zuweilen solche harmonische Härten, ja förmliche Übelklänge schreiben konnte! Es ist freilich noch gar nichts gegen das, was Schumann jetzt darin leistet!
Ich hoffe in diesem Jahr mit meinen Geschäften in London so bald fertig zu werden, daß wir bis Mitte Juli zurückkehren können. Dann treffen wir Sie und die lieben Ihrigen noch hier, und können hoffentlich noch einige Zeit zusammen bleiben.
Unter herzlichen Grüßen meine Frau an die liebe Ihrige, wie immer

Ihr
Louis Spohr