Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.2 <18530601>

Breslau 1 Juni 1853

Mein hochverehrter Freund und Gönner!

Ehe Sie Ihre englische Reise antreten, muß ich noch ein paar Zeilen an Sie richten, in der Hoffnung, vorher noch etwas von Ihnen zu hören. Gern hätte ich auch diesmal die Reise gewagt, um mich an Ihrer Jessonda und sonstiger Musik zu erquicken, leider bin ich aber leidend, und von einem Übel fortwährend gequält, das ich früher nicht kannte. Seit vorigem Januar bekam ich nämlich jeden 21ten Tag die Gesichtsrose, und habe sie eben zum 7ten Male ausgestanden, auch war sie zuletzt so schlimm, daß sie die Augen und Stirn einnahm. Da dies nun höchst gefährlich werden kann, so muß ich eine Brunnenkur machen, um den Unterleib, woher das Übel kommt, in Ordnung zu bringen. Kann ich es möglich machen, so komme ich vielleicht später ein paar Tage nach Cassel. — Fräulein Meyer1 , die früher bei Ihnen war, gastirt jetzt hier, und im Ganzen mit recht gutem Erfolge. Vorigen Sonntag war Jessonda, in welcher sie die Titelrolle sehr brav ausführte und viel Beifall erntete. Das Haus war, trotz des schönen und heißen Wetters sehr voll, und jeder erfreute sich an der noblen Oper, die in Sujet und Musik nichts als Edles und Schönes bietet. Je weniger jetzt producirt wird, desto höher steigen solche Werke im Preise, wo sich Natur mit hoher Kunst so trefflich paaren. Unser Opern-Regisseur Rieger, mit seinem herrlichen Organ, trat nach einer Reise, auf der [er] auch in Berlin mit dem Tristan Furore gemacht2 , wieder zum ersten Male auf; auch unser Prawit sucht als Dandau seines Gleichen. Das Orchester leistete ebenfalls Vortreffliches, und so wäre der Genuß ein ungetrübter gewesen, wenn wir einen tüchtigen Nadori gehabt hätten, allein der war schwach. Mich stört das weniger, da ich jede Note kenne, und mich des ganzen Werkes mehr freue, als auf das Einzelne gehe. Hört man ein solches Werk in seiner hohen Schönheit, so wird es jedem viel klarer, daß es mit dem heutigen, überspannten Wesen in der Musik, wo man keine natürlichen Melodien mehr braucht (weil man keine finden kann) nichts ist, als wenn man Stundenlang darüber disputirt; doch genug hiervon, sonst werde ich wieder bitter, und ich fühle schon den Marienbader Brunnen, den ich so eben getrunken, mir zu Kopf steigen. Ich habe zur alten Fahne geschworen, und bleibe ihr treu, ohne das wirklich gute Neue zu verschmähen. Neulich las ich in der Zeitung, daß ein von Ihnen engagirter Kapellist Cassel wieder verlassen mußte, weil er einen Schnurrbart trug und aus der Schweiz war. Fürchtete man, er würde unter den Orchestermitgliedern wühlen? Wie geht es Ihnen sonst, und wie befinden sich Ihre Frau Gemahlin und die Ihrigen. Wenn es Ihnen möglich, so schreiben Sie mir vor Ihrer Reise noch einige Zeilen, nach denen ich mich schon so lange sehne.
Mit ausgezeichneter Hochachtung und Verehrung

Ihr
dankbarer
A. Hesse.

Herzliche Grüße an Ihre Frau Gemahlin etc.

Autor(en): Hesse, Adolph
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Dustmann-Meyer, Louise
Prawit, Adolph
Rieger, Friedrich
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Jessonda
Erwähnte Orte: Berlin
Breslau
London
Erwähnte Institutionen: Königliche Schauspiele <Berlin>
Stadttheater <Breslau>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1853060131

http://bit.ly/1pNzURw

Spohr



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Hesse an Spohr, 01.03.1853. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Hesse an Spohr, 18.10.1853.

[1] Louise Meyer, später verh. Dustmann.

[2] Vgl. „Berlin. Musikalische Revue”, in: Neue Berliner Musikzeitung 7 (1853), S. 140f.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (29.04.2016).