Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. N.Mus.ep. 2013
Abschrift: Bernhard Müller, Die Fürstliche Hofkapelle in Rudolstadt 1683-1854 (Ms.), ca. 1890er Jahre, 1903 erg. durch Oscar Vater, in: Landesarchiv Thüringen - Staatsarchiv Rudolstadt, Bibliothek (D-RUl), Sign. Rf 26-10, hier S. 907
Druck: Peter Gülke, Musik und Musiker in Rudolstadt, Rudolstadt 1963, S. 70f.

Sr. Wohlgeb.
Herrn Hofkapellmeister
Müller
in
Rudolstadt.

d.G.


Cassel den 23sten
Mai 1853 .

Hochgeehrter Herr u Freund,

So eben erfahre ich, daß Sie heute Ihr 50jähriges Dienstjubiläum feyern! -- Obgleich nun diese Zeilen heute nicht mehr in lhre Hände kommen können, so kann ich doch nicht umhin, Ihnen meinen herzlichsten Glückwunsch zu diesem schönen Tage zu senden. Mögen Sie ihn im Kreise Ihrer dortigen Freunde recht froh verleben und ihn noch recht oft wiederkehren sehen! - Recht schmerzlich ergreift mich heute die Erinnerung an das frühe Scheiden unseres gemeinschaftlichen Freundes Holleben, wie festlich würde auch für ihn der heutige Tag gewesen seyn und wie würde er den um Sie versammelten Freundeszirkel mit seiner unerschöpflichen Laune zu beleben gewußt haben!
Ihr Violoncellist1, der Ihnen diese Zeilen überbringt, hat gestern der 2ten Aufführung des „Tannhäuser“ in unserem Hoftheater beigewohnt und schien sehr davon befriedigt. Wir haben uns große Mühe bei dem Einstudieren gegeben, und ich glaube, die Oper wird kaum irgendwo so präzis wie hier gegangen seyn. Sie hat sehr viel Schönes und ein lobenswertes Streben nach dem Edlen und wahren und gehört ohne allen Zweifel zu dem Besten, was in den letzten 10 Jahren in
der Gattung geschrieben worden ist. Diese Oper aber den bis jetzt unerreichten Meisterwerken Mozarts gleichstellen oder gar vorziehen zu wollen, wie es Wagner‘s fanatische Leipziger und Weimar‘schen Verehrer tun2, ist eine so absurde Lächerlichkeit, daß der Komponist selber darunter leiden muß und ihm dadurch Gegner erweckt werden, die außerdem sein Werk als eine dankenswerte Gabe ruhig hingenommen hätten. Alles was sich bei einem solchen Kunstwerke durch Verstandesoperation erreichen läßt, hat Wagner glücklich erreicht; bei alledem ist die Oper in musikalischer Erfindung aber doch sehr dürftig ausgefallen. Es ist alles mühsam zusammengequält; von einem so unerschöpflichen, natürlichen Fluß echt musikalischer Ideen wie bei Mozart ist hier keine Spur. Ja, der „Tannhäuser“ scheint mir in dieser Beziehung fast noch dürftiger als Wagners frühere Oper „der fliegende Holländer“. -- Dem tiefen Verfall der jetzigen Oper kann nur ein zweiter Mozart abhelfen! Wird aber je wieder ein solches Universalgenie geboren werden?
Reichte unsere Eisenbahn doch bis Rudolstadt, so könnte ich noch vor Abend b[ei] Ihnen sein und Ihr schönes Fest m[it Ihnen] feyern. So kann ich nur im Geiste [dab]ey sein! Ein Glas werde ich aber auf Ihr wohl leeren und es wird Ihnen dabey in den Ohren klingen.
Mit herzlicher Freundschaft stets ganz

der Ihrige
Louis Spohr.

Autor(en): Spohr, Louis
Adressat(en): Müller, Friedrich
Erwähnte Personen: Holleben, Karl Ludwig Anton von
Mozart, Wolfgang Amadeus
Erwähnte Kompositionen: Wagner, Richard : Der fliegende Holländer
Wagner, Richard : Tannhäuser
Erwähnte Orte: Kassel
Erwähnte Institutionen: Hoftheater <Kassel>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1853052313

http://bit.ly/2ZIu8ER

Spohr



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Müller an Spohr, 24.08.1849. Müller beantwortete diesen Brief am 19.02.1854.

[1] Noch nicht ermittelt.

[2] Vgl. Th[eodor] Uhlig, „Ueber die Schlußscene in Richard Wagner's Tannhäuser”, in: Neue Zeitschrift für Musik 36 (1852), S. 245ff.; „Eine Lesefrucht en miniature”, in: ebd. 37 (1852), S. 137f.; Heinrich Gottwald, „Wagner's Tannhäuser in Breslau”, in: ebd., S. 207-210; Hoplit (= Richard Pohl), „Dresdner Musik. Richard Wagner's Tannhäuser”, in: ebd., S. 210ff. und 220f.; [Richard Wagner], „Ueber die Aufführung des Tannhäuser. Eine Mittheilung an die Dirigenten und Darsteller dieser Oper vom Dichter und Tonsetzer desselben”, in: ebd. 37 (1852), S. 240-243 und 276ff. sowie 38 (1853), S. 4ff. und 14-18; ders., „Ueber Inhalt und Vortrag der Ouvertüre zu Wagner's Tannhäuser”, in: ebd., S. 23ff.; Joachim Raff, „Vertrauliche Briefe an den Verfasser des Aufsatzes ,Tannhäuser, Oper von Richard Wagner' in den ,Grenzboten' Nr. 9”, in: ebd., S. 113f., 136-140, 148ff., 159ff., 172-175, 180ff., 192-196 und 247-250.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (06.07.2020).