Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Hamburg, den 4ten October 1852.

Hochgeschätzter Herr Doctor!

Mit tiefer Wehmuth ergreife ich die Feder, um Sie von dem schmerzlichen, unersetzlichen Verluste in Kenntniß zu setzen, der mich durch den Tod meines geliebten Vaters am 28sten September, Morgens 11 Uhr, betroffen hat.
Wenngleich derselbe seit langen Jahren durch Krankheiten viel zu leiden hatte, und oft schon dem Grabe nahe war, so half seine gute, wie er sie selbst nannte, „zähe“ Natur ihm doch immer wieder die Krankheit überwinden, daher wir auch dieses Mal hofften, er werde uns noch erhalten bleiben. Er litt namentlich in den letzten Jahren unendlich viel durch Asthma, heftige Luftbeklemmungen, was, wie die von ihm selbst gewünschte Secirung ergeben hat, Folge eines Lungenübels, und zwar einer Verhärtung und theilweisen Schwindsucht der Lunge war. Auf einer kleinen Reise nach Braunschweig, die wir kürzlich unternahmen, ward er von einem zweiten, sehr heftigen Blutsturz überfallen, der wohl die nächste Ursache seines Todes war, welcher ungefähr vierzehn Tage nach unserer Rückkehr hieselbst eintrat. Gottlob! ist er sanft, ohne langen Todeskampf entschlummert, und damit sein lange gehegter, heißer Wunsch nach Erlösung von seinen schweren Leiden erfüllt, aber nicht allein mir ward der so liebevolle Vater und erfahrne Rathgeber entrissen – ein Verlust, der mir gewiß immer schmerzlicher fühlbar werden wird, – sondern auch unserm Hamburg ist mit ihm wieder eine seiner letzten, festesten Stützen classischer Musik aus der guten, alten Zeit genommen.
Noch erlauben Sie mir zu erwähnen, hochgeehrter Herr Doctor, daß in ihm einer Ihrer aufrichtigsten, wärmsten Verehrer heimgegangen ist, ja, ich möchte wohl behaupten, daß es nicht möglich sey, Sie hätten je einen glühenderen Verehrer gehabt! Ach! hätten Sie die Freude gesehen, wenn einmal ein Brief von Ihnen bei uns anlangte, hätten Sie dieses verklärte Gesicht gesehen, wenn er Ihre herrlichen Meisterwerke hörte! Mit welch rastloser Thätigkeit war er stets bemüht, die Aufführungen Ihrer Compositionen würdig vorzubereiten, und wie eifrig bestrebte er sich, Ihren hohen Verdiensten die gebührende Anerkennung zu verschaffen! – Gern würde er sich öfter mit Ihnen brieflich unterhalten haben, hätte er nicht befürchtet, Ihnen, dem vielbeschäftigten Mann, lästig zu fallen. O! mein hochverehrter Herr Doctor, wie sehr hätte ich es dem guten alten Mann gewünscht, Sie, den von ihm mit so unbegrenzter Liebe und Hochachtung verehrten Mann, noch einmal vor seinem Ende hienieden begrüßen zu können! Leider konnte ihm diese große, lang ersehnte Freude im letzten Sommer ja nicht werden! –
Verzeihen Sie gütigst, wenn ich in meinem Schreiben vielleicht zu ausführlich geworden bin; mein Herz drängte mich, Ihnen diese Mittheilungen zu machen.
Meine liebe Mutter, die seit 30 Jahren die treue, sorgsame Pflegerin meines leider fast fortwährend kranken Vaters war, grüßt mit mir Sie und Ihre liebe Familie herzlich.
Indem ich Sie ersuche, das unsrer Familie stets bewiesene gütige Wohlwollen auch ferner mir beweisen zu wollen, verbleibe ich
mit größter Hochachtung

Ihr ergebenster
F. G. Schwenke

Erwähnte Personen: Schwencke, Johann Friedrich
Erwähnte Kompositionen:
Erwähnte Orte:
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1852100413

http://bit.ly/2RElS3s

Spohr



Spohr beantwortete diesen Brief am 07.10.1852.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Wolfram Boder (06.12.2018).