Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.3 <Zahn 18520616>

An Frau Emilie Zahn
geb.Spohr
Adr:
Herrn Hermann
J. Meyer
164 William Street
Newyork.


Cassel den 16ten Juni
1852

Liebe Emilie,

Abermals werde ich von einem Auswanderer aus unserem Orchester um einige Zeilen an Dich gebeten. Ich gebe sie; in der Voraussetzung, daß es Dir angenehm sein werde, Dich mit jemand von hier über Cassel zu unterhalten zu können. Der Überbringer, Herr Schultheis, ist Clarinettist und Geiger. Wenn ich nicht irre, hast Du ihn während Deines Hierseyns in einem unserer Winterconcerte gehört. Er ist ein junger Mann von vielem Talent und guten Sitten. Kannst Du ihm durch Rath behülflich seyn, so bitte ich darum.
Große Freude hat uns Dein letzter Brief gemacht, den Ida uns sogleich vorlas. Da sie bey dessen Beantwortung noch nicht über unsere diesjährige Reise wusste, so will ich ihren Brief in dieser Beziehung vervollständigen. Ich mußte, da der Prozess noch unentschieden ist, dieses Jahr bey der Intendanz anfragen, ob der mir zustehende Urlaub während der Ferienzeit stattfinden solle. Da ich in dieser Anfrage alle meiner Rechte resevirt hatte, so glaubte ich nicht, daß der Kurfürst sie bejahend beantworten würde, und hatte deshalb in London auch nur in dieser Vorraussetzung zugesagt. Ganz unerwartet erhielt ich aber die Genehmigung zur Reise schon 8 Tage vor Beginn der Ferien. Ich schloß daher sogleich mit Herrn Gye definitiv ab, und werde nun nächsten Sonnabend mit Mariannen nach London abreisen, um sowohl die erste Aufführung von „Faust” als auch ein großes Concert zu dirigieren. Wir nehmen den Weg über Calais, um die kleinste Überfahrt übers Meer zu haben. Madame Hildebrandt, die mit ihrem Sohn jetzt auch in London ist, wird uns im Vorraus eine Wohnung dort besorgen. Ich freue mich sehr auf die Reise, bin auch sehr gespannt daß zum Faust neu komponirte zum ersten Mal zu hören, so wie auch darauf, wie die Italiäner meine Oper singen werden! – In Deutschland wird der Faust in seiner neuen Gestalt zum ersten Mal in Weimar gegeben werden und zwar zum Geburtstag des Herzogs. Auch dahin bin ich eingeladen1, werde aber sicher den Urlaub nicht erhalten.
[...]2

 

Autor(en): Spohr, Louis
Adressat(en): Zahn, Emilie
Erwähnte Personen: Friedrich Wilhelm Hessen-Kassel, Kurfürst
Gye, Frederick
Hildebrand-Romberg, Bernhard
Hildebrand-Romberg, Bernhardine
Schultheiß, Heinrich
Spohr, Marianne
Wolff, Ida
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Faust
Erwähnte Orte: London
Erwähnte Institutionen: Covent Garden <London>
Hoftheater <Weimar>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1852061600

http://bit.ly/35Xca4m

Spohr



Der Postweg dieses Briefs überschnitt sich mit Zahn an Spohr, 04.07.1852, mit dem diese Spohrs Brief vom 17.04.1852 beantwortete.

[1] Vgl. Franz Liszt an Spohr, 29.04.1852; Karl Oliver von Beaulieu-Marconnay an Spohr, 22.05.1852.

[2] Textverlust, da das obere Viertel des zweiten Blatts abgetrennt ist.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Neele Nolda (13.05.2020).