Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.2 <18520610>

Breslau den 10. Juni 1852

Mein hochverehrter Freund und Gönner!

Abermals ist eine geraume Zeit verflossen, seit wir uns nicht geschrieben; da nun die Reisezeit heranrückt, so wollte ich Sie fragen, was Sie beschlossen haben. Zwar weiß ich nicht, wie weit nun Ihre Urlaubsangelegenheit festgestellt ist, ebenso wenig weiß ich aber, ob ich werde reisen können, da leider meine Mutter sehr bedrohlich krank ist. Der Arzt hat nur wenig Hoffnung gegeben, da sie an der Brustwassersucht leidet, doch zieht sich, so etwas oft in die Länge, so daß ich wohl eine Reise von einigen Wochen unternehmen könnte; ich hatte Lust, London noch einmal ohne Ausstellung zu sehen, und hätte Sie auf dem Rückwege besucht.
Vorigen Winter ist hier wieder viel musizirt worden. Die Theater-Capelle gab in dem großen neuen Konzertsaale, der 1200 Personen faßt 30 Sinfoniekonzerte, wo viel Schönes gehört wurde, auch einige Ihrer Sinfonien und Quvertüren haben wir aufgeführt. Mosevius gab in der Aula die Jahreszeiten mit 300 Personen1 und den Judas Maccabäus.2 — Kürzlich war die italiänische Oper aus Petersburg hier, und gab im Theater, das jetzt renovirt und mit Gas brillant erleuchtet ist, 6 Vorstellungen. War auch die Stimme von Tamburini schon ruinirt, ebenso die Persiani nicht mehr in der ersten Frische, so war doch die hohe Gesangskunst und das prächtige Ensemble zu bewundern. Der Buffo Rossi und Tenor Pozzolo3 hatten treffliche Stimmen. Die Natur in Spiel und Gesang, ohne jede Übertreibung und Verzerrung entzückten Alles, namentlich im Barbier und Liebestrank.
Morgen kommt das Königspaar hier an, um unsere Industriehalle4, die großartig und schön ist, zu besuchen. Es wird Alles zum glänzendsten Empfange vorbereitet. Ehrenpforten werden gebaut, große Diners, (eins im Theater, wo das ganze Haus zu einem Saale, wie bei den Redouten, umgeschaffen wird) Festvorstellung, Illumination, Parade, Zapfenstreich etc. etc. Kommen Sie mit Ihrer Frau Gemahlin doch auch auf ein paar Tage zu uns, damit wir auch eine musikalische Majestät hier haben; dann mache ich später meine Reise und besuche Sie in Kassel; das wäre gar nicht so übel.
Schreiben Sie gütigst recht bald, damit ich weiß, wie es Ihnen geht.
Apropos, vor 14 Tagen feierte ich mein 25jähriges Amtsjubiläum, man gab mir im großen Konzertsaale ein schönes Souper, an dem die Theaterkapelle, welche auch ihr 4jähriges Konzertstiftungsfest beging, und viele meiner andern Freunde und Kollegen Theil nahmen. Wir waren recht in fröhlich bis in die Nacht hinein. Da ich mit 17 Jahren angestellt wurde, so bin ich jetzt noch ein rüstiger Jubilar.5
Herzliche Grüße an Ihre Frau Gemahlin und alle Freunde und Bekannten

wie immer
Ihr dankbarer Verehrer
A. Hesse.



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Hesse an Spohr, 01.12.1851. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Hesse an Spohr, 15.09.1852.

[1] Vgl. „Breslau”, in: Neue Berliner Musikzeitung 6 (1852), S. 142.

[2] Vgl. „Breslau”, in: Urania 9 (1852), S. 76.

[3] Richtig: Pozzolini, der im gleichen Jahr mit Persiani, Rossi und Tamburini als dem Ensemble der Petersburger Hofoper auftrat (vgl. „Pietroburgo”, in: Teatri, arti e letteratura (1851), S. 77; „Berlin”, in: Neue Berliner Musikzeitung 6 (1852), S. 132f., hier erwähnt S. 133; „Königliche Schauspiele”, in: Königlich Preußischer Staatsanzeiger (1852), S. 502; Rheinische Musik-Zeitung 2 (1852), S. 760).

[4] Vgl. „Breslau Mitte Juni”, in: Phönix 3 (1852), S. 216.

[5] Vgl. „Breslau, 28. Mai (Jubiläum)”, in: Neue Berliner Musikzeitung 6 (1852), S. 190.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (26.04.2016).