Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Sr. Wohlgeboren
Herrn Doctor & Capellmeister Spohr
in
Cassel.

frey.


Hamburg1, den 4ten Mai 1852.

Hochgeschätzter Herr Doctor!

Nehmen Sie den innigsten Dank für das interessante und gütige Schreiben. Es bedarf gewiß keiner Versicherung, daß uns die Nachricht, Sie und Ihre liebe Familie nun bald wieder hier begrüßen zu können, überaus erfreute. Um Ihren lieben Besuch dann aber nicht zu verfehlen, (da mein Arzt durchaus verlangt, daß ich auf längere Zeit aufs Land ziehe,) so werden Sie mir gütigst die Bitte nachsehn: mich – wenn auch nur durch ein Paar Zeilen – gefälligst benachrichtigen zu wollen, zu welcher Zeit Sie hier eintreffen und wo logiren werden? Mein Sohn2 erlaubt sich zugleich die Anfrage: ob er Ihnen etwa durch irgend eine Besorgung pp. deshalb sollte dienen können?
Ganz besonders bin ich auch auf nähere Nachrichten in Betreff Ihrer Oper Faust gespannt. Auf die Freude, gute Opern- u.a. öffentliche größre Musik-Aufführungen zu hören, habe ich leider längst verzichten müssen, da ich seit 18 Jahren im Winter nicht ausgeh (, sehr selten einmal fahren) durfte, und im letzten Winter mein Zustand durch das grauenvolle Asthma beständig so fürchterlich war, daß ich nicht einmal das Zimmer verlassen konnte. Um so mehr aber erfreut mich nun die Aussicht, mich – nach so lang entbehrtem Genuß – bald wieder Ihres herrlichen Spiels erfreuen zu dürfen! Ueberdem – aufrichtig gestanden – kommt es mir vor, als könnten die jetzigen Virtuosen (hier wenigstens) Ihre und andere gediegene Compositionen selten mehr genügend vortragen, weil ihnen – das Gemüth dazu fehlt! – Das Adagio mit Recitativ aus Ihrem älteren Violin-Concerte in g-Moll, (wo ich die Begleitung für Fortepiano und Violoncell einrichtete,) habe ich hier öfters jungen Notenfressern vorgelegt. Da werden dann die Noten heruntergerissen und gefegt auf die greulichste Weise; vom Vortrag – selbst vom einfach vorgeschriebenen – aber ist nirgend eine Spur zu finden! –
Um freundliche Grüße an Ihre liebe Familie bittet und auf Ihr baldiges frohes Wiedersehn hofft

Ihr ergebester
J.F. Schwenke

NS. Meine Wohnung und Adresse in der Stadt bleiben, wie früher, unverändert Herrlichkeit No 45, 2te Etage.

Autor(en): Schwencke, Johann Friedrich
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Schwencke, Friedrich Gottlieb
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Faust
Spohr, Louis : Konzerte, Vl Orch, op. 28
Erwähnte Orte:
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1852050443

http://bit.ly/2RH0hHU

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Spohr an Schwencke, 29.04.1852. Dies ist der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz. Am 04.10.1852 benachrichtigte Friedrich Gottlieb Schwencke Spohr über den Tod seines Vaters.

[1] Vordruck auf dem Briefpapier.

[2] Friedrich Gottlieb Schwencke.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Wolfram Boder (07.12.2018).