Autograf: Yale Collection of German Literature, Beinecke Rare Book and Manuscript Library Yale University New Haven (US-NHub), Sign. YCGL MSS 6 Box 16 Folder 662
Druck 1: Music. Early Books, Manuscripts, Portraits and Autographs (= Katalog Maggs Bros. 512), London 1928, S. 279 (teilweise, englische Übersetzung)
Druck 2: Autograph Letters and Historical Documents (= Katalog Maggs Bros. 513), London 1928, S. 260f. (teilweise, englische Übersetzung)
Druck 3: Autograph Letters and Historical Documents (= Katalog Maggs Bros. 547), London 1930, S. 203 (teilweise, englische Übersetzung)

Sr. Wohlgeb.
Herrn J.F. Schwenke
Organist in St. Nicolai
in
Hamburg.
 
frei.
 
 
Cassel den 29ten April
1852.
 
Hochgeehrter Freund,
 
Entschuldigen Sie gütigst, dass ich Ihnen für Ihren freundlichen Glückwunsch zu meinem Geburtstage erst jetzt meinen besten Dank sage. Ich hatte aber vorher eine sehr eilige Arbeit zu beseitigen. Es war dies die Umwandlung meiner Oper „Faust“ in eine große mit Rezitativen für die italiänische Oper in London. Ich unternahm diese Arbeit auf den Wunsch des Prinzen Albert und der Königin von England, die sie in der jetzt beginnenden Saison im Covent Garden Theater zu hören wünschen. Es war schon Ende Januar, wie der Unternehmer Herr Gye bey mir war, und daher keine Zeit zu verlieren. Die Arbeit stellte sich später aber auch viel umfangreicher heraus, als ich im Anfang geglaubt hatte, indem ich die Dialogscenen selbst erst neuarbeiten mußte, um sie für die Komposition geeignet zu machen. Damit ist es mir aber, wie ich glaube, ganz gut geglückt, und die Oper hat nun, in 3 Akte ausgedehnt, durch die neuen Rezitative und a Tempo‘s eine ganz neue, und wie ich hoffe, künstlerisch abgerundete Gestalt gewonnen, die ihre Wirkung nothwendig steigern muß. Aus der alten Partitur habe ich übrigens nicht eine Note geändert, da das Werk recht aus einem Guß, dadurch nur verloren haben würde, sondern mich im Gegentheil bestrebt, mich in die frühe Jugendzeit zurückzuversetzen, damit das Neue sich dem Alten im Styl anschließe. Ob mir dieß geglückt seyn wird, wird sich erst bey einer Aufführung beurtheilen lassen. Ich bin auf eine solche sehr gespannt und werde deshalb nach London fahren, um die erste dortige Aufführung selbst1 zu leiten, wenn mir nicht etwa der Kurfürst, mit dem ich immer noch in Prozeß wegen der Urlaubsangelegenheit bin, von Neuem Schwierigkeiten in den Weg legt. Jedenfals werde ich für die Reise nach London2 nur 14 Tage verwenden, und so bleibt mir von der Ferienzeit immer noch genug übrig, um die lang projectirte Reise nach Hamburg, das ich seit dem Brande nicht wiedersah, dieses Jahr endlich auszuführen.
Ich freue mich nebst meiner Frau daher sehr darauf, Sie und die lieben Ihrigen nach so langer Zeit einmal wieder zu sehen. - Recht sehr haben wir bedauert, aus Ihrem Schreiben zu ersehen, daß Sie vorigen Winter wieder viel von Krankheiten in Ihrer Familie gelitten haben. Um so mehr geben wir uns der Hoffnung hin, Sie bey unserm Besuch in Hamburg sämtlich recht wohl zu treffen! - Um Ihnen einige meiner neuern Kompositionen zu hören zu geben, werde ich auch meine Geige mitbringen.
Mit wahrer Freundschaft stets ganz
 
der Ihrige
Louis Spohr.
 
NS. Herr v. Bülow bitte ich gelegentlich wissen zu lassen, daß ich nie etwas für Bassethorn geschrieben habe. Ob vielleicht eine oder andere meiner Clarinettkompositionen für Bassethorn arrangirt sey, weiß ich nicht, bezweilfe es aber.

Autor(en): Spohr, Louis
Adressat(en): Schwencke, Johann Friedrich
Erwähnte Personen: Albert Großbritannien, Prinzgemahl
Bülow, Carl von
Gye, Frederick
Victoria, Großbritannien, Königin
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Faust
Erwähnte Orte: Hamburg
London
Erwähnte Institutionen: Covent Garden <London>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1852042913

http://bit.ly/2RNdazW

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Schwencke an Spohr, 05.04.1852. Schwencke beantwortete diesen Brief am 04.05.1852.

[1] „selbst“ über der Zeile eingefügt.
 
[2] Spohr dirigierte die Premiere der Neufassung seines Faust in Covent Garden am 15.07.1852.
 
Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Wolfram Boder (07.12.2018).