Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.2 <18510203>

Sr. Hochwohlg
Herrn Dr. Louis Spohr,
Kurfürstl General-Musik-Director
etc
in
Cassel

franco.


Breslau 3ten Februar 1851.

Mein hochverehrter Freund und Gönner!

Es drängt mich wiederum sehr an Sie zu schreiben; seit Empfang Ihrer letzten freundlichen Zuschrift, ist erst Hessen ordentlich in das Stadium seiner härtesten Prüfungen getreten1; ich kann mir Ihre und aller braven Einwohner Hessens Stimmung denken. Glauben Sie indeß, daß die unsrige nicht viel besser ist. Von Ihrem Kurfürsten konnte man sich dessen versehen, wiewohl ich glaube, daß er sein Verfahren schon bitter bereuen mag, da er wohl jetzt einsieht, daß ihm seine Beschützer über den Kopfwachsen und er gelegentlich doch zu Grunde gehen wird. Daß aber Preußens Politik die Bedrückungen Ihres Landes ruhig mit ansieht2, benimmt uns selbst Glauben und Hoffnung. Da Sie als ein Mann liberaler Gesinnung bekannt sind, haben Sie wohl am Ende auch Einquartierung3 erhalten. Das fehlte in Ihrem stillen Kunstasyl noch! Wie geht es in diesen trüben Zeiten mit der Ausübung Ihrer Kunst? Ihre Kapelle haben Sie wohl nun wieder beisammen, wie war es aber vorher? Gaben Sie da immer noch Opern? Bei uns sind wir in der Musik noch fleißig. In den Winter-Abonnements-Konzerten der Theaterkapelle haben wir im großen Wintergarten seit 1. October bereits 18 Sinfonien und Ouvertüren gegeben und ich kann ohne Ruhmredigkeit sagen, in der feinsten Ausführung. Das brave Orchester spielt diese Werke von Woche zu Woche schöner und der Zudrang ist sehr groß. Die Kapelle will Hr. Blecha nächstens ein Benefiz geben, wobei Ihre Weihe der Töne mit noch verstärktem Orchester daran kommen soll. Daß ich Sie genau einstudieren will, können Sie wohl denken, wir wollen Ihnen keine Schande machen. Blecha giebt auch 6 Quartett-Matinéen, wo er mit den besten Mitgliedern der Kapelle Alles sorgfältig einübt. Die kleine Elsbeth Pulvermacher und ich, wir haben schon fleißig darin Klaviertrio’s gespielt. Neulich spielte sie Hummels großes Septuor wirklich ganz meisterlich. Der Wirth vom Liebigs-Garten, wo wir waren, baut setzt einen imposanten Konzertsaal für die Theaterkapelle. Haben Sie Konzerte gegeben? oder Quartetten? Wir schwelgen immer noch in Ihren Tönen. Haben Sie doch die Freundlichkeit, mir recht bald zu schreiben, damit ich weiß, wie es Ihnen geht. Wenn ich Herrn Körte treffe, ist unser erstes Wort: was mag unser verehrter Freund in Kassel machen?
Alle Breslauer Künstler und Kunstfreunde senden Ihnen die theilnehmendsten Grüße. Empfehlen Sie mich Ihrer Frau Gemahlin und allen lieben Bekannten und Freunden auf das Herzlichste.
Wie immer

Ihr ergebener u. dankbarer
Verehrer
Hesse

Erwähnte Personen: Blecha, Adalbert
Friedrich Wilhelm Hessen-Kassel, Kurfürst
Körte, Christian
Pulvermacher, Johanna
Erwähnte Kompositionen: Hummel, Johann Nepomuk : Septette, Fl Ob Hr Va Vc Kb Kl, op. 74
Spohr, Louis : Die Weihe der Töne
Erwähnte Orte: Breslau
Kassel
Erwähnte Institutionen: Hofkapelle <Kassel>
Stadttheater <Breslau>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1851020331

http://bit.ly/21bV4GK

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Spohr an Hesse, 24.10.1850. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Hesse an Spohr, 03.04.1851.

[1] Am 26.10.1850, also zwei Tage nach Spohrs letztem Brief an Hesse, beschloss der Deutsche Bund im Kurhessischen Verfassungsstreit eine Bundesintervention. Am 01.11.1850 überschritten bayerische und österreichische Truppen die kurhessische Grenze, am 22.12. rückten sie auch in Kassel ein (vgl. Rüdiger Ham, Bundesintervention und Verfassungsrevision. Der Deutsche Bund und die kurhessische Verfassungsfrage 1850/52 (= Quellen und Forschungen zur hessischen Geschichte 138), Darmstadt und Marburg 2004, S. 204f. und 230).

[2] Zeitgleich mit den bayerischen und österreichischen Truppen rückte auch Preußen am 01.11.1850 nach Kurhessen ein, zog sich aber auf kurhessischen und österreichischen Protest wieder zurück (vgl. Ham, S. 207f.).

[3] Die Bundestruppen bestraften oppositionelle Staatsdiener durch Zwangseinquartierungen von Soldaten (Vgl. Ham, S. 230 und 233; Louis Spohr, Louis Spohr’s Selbst-Biographie, Bd. 2, Kassel und Göttingen 1861, S. 343f.).

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (25.04.2016).