Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. Mus.ep. Spohr-Correspondenz 2,236
Druck: [Ernst Rychnovsky], Beschreibendes Verzeichnis der Autographen-Sammlung Fritz Donebauer in Prag, 2. Aufl., Prag 1900, S. 285 (teilweise)

Berlin d. 28st. Novemb.
1850.

Hochverehrtester Herr und Freund!

Gestern Abend ist unsere dritte Sinfoniesoirée, im Concertsaale des Schauspielhauses, vor dem intelligentesten Theil des Berliner Publikums, (der in diesem Winter zahlreicher als je sich zu diesem Concerte eingefunden, so daß Vorsaal und Treppen haben besucht werden müssen,) Ihre neueste Sinfonie zu Gehör gebracht worden,1 und ich glaube in einer Weise, mit der Sie nicht ganz unzufrieden gewesen sein würden. Wir hatten tüchtig daran studirt, u. Alles gelang aufs Erfreulichste. Das Werk ist vom Publikum mit freudigstem Antheil gehört und begrüßt worden; die Mittelsätze schienen ihre Natur noch am meisten angesprochen zu haben. Sie sind allerdings für ein erstmaliges Hören auch am Faßlichsten, während die Combinationen des letzten Satzes schon ein Kennerohr erfordern. Die ausführenden Musiker haben sich für das Werk sehr interessirt, und wir alle sagen Ihnen, verehrtester Meister, unsern herzlichsten Dank für die Production sowohl, als für dessen gütige Überlassung zu hiesiger Aufführung.
Ich füge auch speziell zu unserm Dank den Ausdruck der innigsten Freude, die mir Ihr schönes Werk und dessen Einstudiren bereitet hat. Ich wünschte, Sie hätten dasselbe gehört, um zu erfahren, mit welcher Liebe es gespielt worden ist! Vorher ging die Ouvertüre zum Hausirer, welcher folgte Oberonouvertüre u. B dur sinfonie. –
Also noch einmal tausend herzlichen Dank! –
Da ich nicht weiß, ob Ihre Concerte während der andauernden Krisis2 im Gange sind, so bitte ich Sie freundlich um einige Zeilen, ob und für welche Zeit sie noch an die Aufführung meiner letzten Sinfonie (h moll) denken. Stimmen u. Partitur liegen bereit, u. sende ich Ihnen dieselben, so bald Sie es wünschen. In der nächsten Woche werde ich diese meine Arbeit in Hamburg hoffentlich selbst, dirigiren, wenn ich Urlaub bekomme; auch in Leipzig wird sie später aufgeführt werden. Deshalb wäre es mir sehr angenehm, die Zeit der etwaigen Aufführung in Cassel etwas genauer zu erfahren. Indem ich mich und meine Frau Ihrem u. Ihrer Frau Gemahlin Wohlwollen angelegentlichst empfehle (wir erinnern uns stets mit Vergnügen der genußreichen Stunde, die Sie uns bei Ihrer letzten Anwesenheit verschafften) füge ich noch die Grüße von C.M.3 Ries u. der Familie Wichmann hinzu, die sich Ihnen bestens empfehlen. In aufrichtiger Verehrung und Ergebenheit

Ihr
W. Taubert

Autor(en): Taubert, Wilhelm
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Ries, Hubert
Wichmann, Ludwig Wilhelm
Erwähnte Kompositionen: Beethoven, Ludwig van : Sinfonien, op. 60
Onslow, Georges : Le Colporteur
Spohr, Louis : Die Jahreszeiten, op. 143
Taubert, Wilhelm : Sinfonien, op. 80
Weber, Carl Maria von : Oberon
Erwähnte Orte: Berlin
Erwähnte Institutionen: Hofkapelle <Berlin>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1850112844

http://bit.ly/2gWifJ7

Spohr



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Taubert, 14.07.1845. Der nächste belegte Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Taubert, 25.03.1858.

[1] Beim Konzert am 27.11.1850 standen neben Spohrs Jahreszeiten-Sinfonie op. 143 die Ouvertüren zu Georges Onslows Oper Der Hausierer und Webers Oberon sowie Beethovens vierte Sinfonie auf dem Programm (vgl. Ernst Jacobi, Begegnungen eines deutschen Tenors 1820-1866, Aus dem Tagebuch des Hofopernsängers Carl Adam Bader, Frankfurt am Main 1991, S. 155).

[2] Nach den Zugeständnisses in Folge der Revolution von 1848 hatte sich der Kurfürst von Hessen-Kassel in der Auseinandersetzung zwischen Österreich und Preußen auf die Seite Österreichs geschlagen und zu einem Gegenschlag der Reaktion ausgeholt. Er hatte das Parlament aufgelöst und am 07.09.1850 den Kriegszustand verhängt, woraufhin das gesamte kurhessische Offizierskorps seinen Rücktritt nahm. Der Bundestag verhängte die Exekution über Kurhessen und am 01.11.1850 überschritten bayerische und österreichische Truppen die kurhessischen Grenzen. Nachdem die preußischen Truppen, die Kassel zwischenzeitlich besetzt hatten, sich zurückgezogen hatten, rückten am 22.12.1850 bayerische Truppen in Kassel ein (Wolfram Boder, Die Kasseler Opern Louis Spohrs. Musikdramaturgie im sozialen Kontext, Bd. 1, Kassel 2007, S.41ff.).

[3] Capell-Meister.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Wolfram Boder (30.10.2017).