Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287


Sr. Hochwohlgeboren
Herrn Generalmusikdirector Dr. L. Spohr
zu
Cassel.

franco.1


Ew. Hochwohlgeboren

machten mir in dem werthen Schreiben vom12/4 die gefällige Mittheilung, meinen Wunsch in Betreff des Geigenunterrichtes zum October wo möglich zu berücksichtigen, im August aber mich noch einmal deswegen an Ew. Hochwohlgeb. zu wenden. Wie ich schon in dem ersten Schreiben bemerkte, beginnen unsere Ferien zum October, und werde ich, da ich zu dieser zeit mit einem Umzuge auf einige Tage beschäftigt bin, höchstens den 6.d.M. in Cassel eintreffen.
Es würde mich höchst schmerzlich berühren, wenn Ew. Hochwohlgeb. mich in der Ferienzeit nicht berücksichtigen könnte, da man nun noch mehr Ansprüche auf meine Leistungen von Seiten des Hofes und meiner Vorgesetzten machen wird, indem ich in diesen Tagen mit noch einigen Mitgliedern der Capelle zum Hofmusikus ernannt bin, und auch meine Stelle in finanzieller Beziehung sich besser gestaltet hat. Auch mein Bruder ist bedacht worden und erhält nun 100 Thaler, das Höchste, was bisher ein Capelletant hat beansprochen können. Ich würde mir nicht erlauben, Ew. Wohlgeboren hiervon Mittehilung zu machen, wenn ich nicht wüßte, dass es Ew. Hochwohlgeb., der stets so wohlwollend gegen meinen Bruder gestimmt, angenehm sein wird, Vortheilhaftes von Dero Schüler zu erfahren.
Vor einigen Wochen hat mein Bruder, nachdem er einige Monate vorher in Leipzig gewesen, den jüngeren Bausch mit vier Geigen hieher kommen lassen, und nachdem selbige von fast allen Geigen im Zimmer und Concertsaale geprüft, die nach Guarnero gearbeitete für 100 Rth. in Golde gekauft. Allen Kennern gefällt das Instrument ausnehmend! Das Attest2 Ew. Hochwohlgeb. haben wir Alle mit vielem Vergnügen gelesen und sind überzeugt von der Wahrheit des Gesagten.
Von den Compositionen Ew. Hochwohlgeb. wurden in den Lohconcerten bis jetzt aufgeführt: 4. Symphonie3 2 Mal Ouvertüren zu Jessonda, Faust, Berggeist und in den Abendmusiken für Blasmusik mehrere arrangem. aus Dero Opern. Im Musikverein haben wir vor Kurzem das neuste Doppelquartett gespielt, mein Bruder die Gesangscene und von der Schwester des H. Capellmeister Kiel wurde ein Lied mit obligater Clarinettbegleitung von Dero Composition vorgetragen. Alle erwähnten Compositionen wurden mit vielem Beifall aufgenommen.
Doch ich muß abbrechen und um Entschuldigung bitten, die Zeit Ew. Hochwohlgeboren so lange in Anspruch genommen zu haben.
In der angenehmen Erwartung, Ew. Hochwohlgeboren bald meine Aufwartung machen zu können, verharrt mit der größten Hochachtung

Ew. Hochwohlgeboren
ganz ergebenster Diener
Louis Hässler.

Sondershausen,
den 18/850.



Dieser Brief ist die Antwort auf den derzeit verschollenen Brief Spohr an Haessler 12.04.1850. Spohrs Antwortbrief ist derzeit ebenfalls verschollen.

[1] Rechts oben auf dem Adressfeld befindet sich der Poststempel „SONDERSHAUSEN / 19 / 8“, links über dem Adressfeld der Stempel „D 3 / 20 8“.

[2] „Diese Violinen (aus der Fabrik von Bausch) sind nicht nur den italienischen Vorbildern in der Form, der Einlage, dem Lack und dem alten Aussehen auf das täuschendste nachgeahmt, sondern es besitzt auch eine jede den Character des Tons ihres Vorbildes in höchst überraschender Weise“ (Oscar Paul, Geschichte des Claviers vom Ursprunge bis zu dem modernsten Formen dieses Instruments nebst einer Uebersicht über die musikalische Abtheilung der Pariser Weltausstellung im Jahre 1867, Leipzig 1868, S. 215).

[3] Die Weihe der Töne.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (28.07.2020).