Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.2 <18500403>

Breslau den 3 April 50

Hochgeehrter Freund und Gönner!

Während Ihr Nichtchen durch ein Mittagsschläfchen sich zu der bevorstehenden 4ten Production (auf unserm Theater heut Abend) stärkt, schreibe ich nach der Table d’hote im Gasthof, die ich fast täglich der lieben Gesellschaft wegen mit durchmache, diese Zeilen an Sie. Zuvörderst meinen herzlichen Glückwunsch zu Ihrem Geburtsfeste und dann meinen Dank für die liebe Gesellschaft, die uns durch Sie zu Theil geworden. Fräulein Rosalie wird von früh bis Abend von ihren Verehrern hier belagert und kommt kaum zum Üben; die Hauptschuldigen sind der Theater-Kapellmeister Seidelmann, Musikdir. Blecha und ich. Die liebe Künstlerin, die einer Cäcilie gleich an der Harfe sitzt und ihr so schöne Töne entlockt, ist der Liebling unserer Stadt geworden und hat schon 3 mal bei vollem Hause und steigendem Beifall gespielt, der Applaus will dann nicht enden und sie wird immer wieder gerufen. Am Ostersonnabend war ein hübsches Concert im Theater mit Sinfonie, Ouvertüre, Gesang, Deklamation etc. arrangirt; Fräulein Rosalie spielte auch mit Blecha den 1sten Satz Ihrer Sonate in Es für Geige und Harfe1; die Komposition gefiel sehr. Ihr Herr Bruder hat in seinen Manieren und im Organ viel von Ihnen, und ist mir diese Ahnlichkeit eine angenehme Vorbereitung auf Ihr Erscheinen selbst bei uns. Er spielt fleißig l‘hombre2 mit den Theater-Musikdirektoren Seidelmann und Blecha.
Wegen Ihrer Ankunft bei uns, und den zu veranstaltenden Musik-Aufführungen schreibe ich Ihnen noch ausführlich, es muß alles zwischen uns genau verabredet werden, damit es dann gut geht. Übermorgen früh verläßt uns der liebe Besuch nachdem Fräulein Rosalie morgen noch einmal (zum 5ten Male) auftritt.
Ihrer Frau Gemahlin und sonstigen Bekannten bitte mich hochachtungsvoll zu empfehlen.
Ich bin

wie immer
Ihr
dankbarer Verehrer
A. Hesse.

Erwähnte Personen: Blecha, Adalbert
Seidelmann, Eugen
Spohr, Rosalie
Spohr, Wilhelm
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Sonaten, Vl Hf, op. 113
Spohr, Louis : Sonaten, Vl Hf, op. 114
Erwähnte Orte: Breslau
Erwähnte Institutionen: Stadttheater <Breslau>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1850040331

http://bit.ly/210e1vM

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Spohr an Hesse, 08.03.1850. Der nächste Brief dieser Korrespondenz ist Hesse an Spohr, 30.04.1850.

[1] Sowohl op. 113 als auch 114 stehen in Es.

[2] Kartenspiel für drei Personen (vgl. Das neue königliche l'Hombrespiel, nebst einer gründlichen Anweisung [...], 18. Aufl., Lüneburg [1845]).

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (21.04.2016).