Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.1 <18500221>

Sr. Wohlgeb.
Herrn Musikdirector und
Oberorganist Adolph Hesse
in Breslau.

franco.


Cassel den 21sten
Febr. 1850

Mein lieber Freund,

ich habe seit dem Weihnachtsfeste eine traurige Zeit verlebt und fange erst seit ein paar Tagen wieder an, beruhigter in die Zukunft zu blicken! Am 2ten Festtage wurde meine Frau1 krank und bald so gefährlich, daß wir an ihrem Aufkommen zweifeln mußsten. Die Symptome der Krankheit waren ebenso wie bey meiner seeligen Frau2 und meiner Tochter Therese, und ich hatte daher bereits alle Hoffnung verloren. Doch der Himmel hat sie mir erhalten, und wie einmal die Crisis vorüber war, erfolgte die Genesung sehr bald. Kaum war sie wieder auf, so hatte ich das Unglück bey Glatteis auf dem Wege zum Theater zu fallen und zwar so heftig auf den Hinterkopf, daß ich bewußtlos liegen blieb. Wie ich wieder zur Besinnung kam, fühlte ich mit Freude, daß am Körper nichts verletzt war, setzte daher ruhig meinen Weg fort und hielt meine Probe. Am Abend dirigirte ich auch noch unser 4tes Abonnementsconzert. Am folgenden Tage aber trat heftiger Kopfschmerz und Erbrechen ein, und in der Nach ein so hefiges Fieber, daß nur fortwährende Eisumschläge auf den Kopf mich vom Wahnsinn bewahrten konnten. Nach einigen Tagen kam dazu auch noch eine Lähmung der linken Seite und ich glaubte auch nie wieder eine Geige in die Hand nehmen zu können! Doch auch mir ist der Himmel gnädig gewesen. Nach 14 Tagen wurde der Kopf freier und [d]ie Lähmung verlor sich allmählig wieder. Jetzt kann ich schon wieder geigen und meine Stunden geben und mit Beginn der nächsten Woche werde ich auch wieder meinen Theaterdienst übernehmen können. Doch habe ich durch diesen Um- und Anfall einen ganzen Monath von meinem Leben verloren!3
Daß Sie sich am Ende zu meinen politischen Ansichten bekehren würden, habe ich nie bezweifelt. Doch ist noch alles besser geworden, als man hoffen durfte und die Freiheit ist für Deutschland wenigstens gewonnen. Ob es in Erfurt auch gelingen wird, wenigstens einen Theil Deutschlands zu einigen, wird sich nun bald zeigen.4 Gelingt es nicht, so fürchte ich einen allgemeinen Krieg und dann kann doch noch die Democratie siegen.
Bleibt es ruhig, so kommen wir diesen Sommer sicher nach Breslau und dann wollen wir beym Musiciren alle Welthändel vergessen.
Frl. Meier hat hier wegen ihrer frischen klingenden Stimme, reinen Intonation, und gutem Spiel sehr gefallen und i[st] auf dem Wege der Liebling des Publi[cums] zu werden. Einige Untugenden im [Vor]trag hoffe ich ihr abgewöhnen zu können und dann wird sie eine Zierde unserer Oper seyn.5
Vor der Krankheit meiner Frau hatte ich angefangen eine Sinfonie zu schreiben (die 9te.), nachdem ich ein (5tes) Claviertrio beendigt hatte. Sollte es mir gelingen die Sinfonie, von der nun erst der 1ste Satz fertig ist, zu meiner Zufriedenheit zu vollenden, so werde ich sie nebst den übrigen neuen Sachen mit nach Breslau bringen.
Leben Sie bis dahin wohl. Unter herzlichen Grüßen von meiner Frau und mir

der Ihrige
Louis Spohr

Erwähnte Personen: Dustmann-Meyer, Louise
Spohr, Dorette
Spohr, Marianne
Spohr, Therese
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Die Jahreszeiten
Spohr, Louis : Trios, Vl Vc Kl, op. 142
Erwähnte Orte: Breslau
Erfurt
Kassel
Erwähnte Institutionen: Hofkapelle <Kassel>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1850022101

http://bit.ly/1NAJvkt

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Hesse an Spohr, 25.01.1850. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Hesse, 08.03.1850.

[1] Marianne Spohr.

[2] Dorette Spohr.

[3] Vgl. Louis Spohr, Louis Spohr’s Selbstbiographie, Bd. 2, Kassel und Göttingen 1861, S. 332.

[4] Die Erfurter Union war der letztlich gescheiterte Versuch, doch noch einen deutschen Nationalstaat unter Führung Preußens zu gründen, wozu die vom Frankfurter Paulskirchenparlament verabschiedete Reichsverfassung konservativ abgeändert wurde (vgl. Erfurt. Politische Gedenkblätter für preußische Deputirte, Berlin 1850; Demokraten-Jahr von Erfurt. Geschichtlicher Umriß in scherzhaften Reimen, Erfurt 1850).

[5] Vgl. „Cassel”, in: Neue Berliner Musikzeitung 4 (1850), S. 64.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (20.04.2016).