Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.2 <18500125>
Druck: Herfried Homburg, „Politische Äußerungen Louis Spohrs. Ein Beitrag zur Opposition Kasseler Künstler während der kurhessischen Verfassungskämpfe“, in: Zeitschrift des Vereins für Hessische Geschichte und Landeskunde 75/76 (1964/65), S. 545-568, hier S. 562 (teilweise)

Sr. Hochwohl
Herrn Dr. Louis Spohr
Kurfürstl General-Musik-Director
Ritter hoher Orden etc.
in
Cassel.
 
franco.
 
 
Breslau den 25 Januar
1850
 
Hochverehrter Freund und Gönner!
 
Es drängt mich, Ihnen wieder einmal zu schreiben, und zwar in einer, für uns so merkwürdigen Zeit. Was sagen Sie zu unseren dermaligen Staatsverhältnissen? zu den Botschaften, mit denen unser König uns erfreut? Wie recht haben Sie (leider) damals, als Sie sich in einer Zuschrift über das Gebahren der Regenten ausließen, gehabt. Sie schilderten zwar mit grellen Farben, aber Ihr Blick in dieses Getriebe war ein durchaus heller und richtiger. Wie zu bedauern ist es, daß die Demokratie nicht ruhiger zu Werke ging, daß sie nicht die bösen Elemente, welche Anarchie und Gefährdung des Lebens und Eigenthums wollten, ausscheiden konnte; es hätte können Schönes und Großes vollbracht werden. So aber, am Rande des Abgrunds, mußte man im Augenblicke Gott danken, wenn um jeden Preis Ruhe wurde. Jetzt sind hier in Breslau fast alle Konstitutionellen, zu Demokraten geworden, ja die größten Revolutionäre gestehen ein, daß sie sich getäuscht fühlen. Ich sende Ihnen ein Blatt unserer Oderzeitung mit, vielleicht interessirt es Sie, die Zusammenstellung aller Proklamationen unseres Monarchen an sein Volk darin zu lesen.1 Das Blatt, gestern, als am Tage der Urwahlen für die Erfurter Reichsversammlung erschienen, hat hier ungemeines Aufsehen erregt. Die Wahlversammlungen sind gestern hier sehr spärlich besucht gewesen; in einem der Bezirke war Niemand erschienen, in einem anderen nur Einer, in den übrigen verhältnismäßig nur sehr wenige. Wen man traf, und befragte, ob er zur Wahl gehen wolle, sagte: Ach! weshalb denn? wer wird sich noch ferner zum Besten haben lassen. Ruhe werden wir indeß wohl behalten, dafür bürgen noch einige Jahre die Bajonette und Kanonen, weshalb Sie uns mit Ihrem Besuche erfreuen können.
Musik wird hier immer fleißig gemacht, und ich dirigire allwöchentlich die Sinfonie-Konzerte der Theater-Kapelle.
Sie haben jetzt die Familie Meyer, welche eine Reihe von Jahren bei uns lebte, in Ihrer Residenz. Wie läßt sich die junge Sängerin2 an? macht sie Glück, gefällt sie Ihnen? Schreiben Sie mir doch recht bald etwas darüber. Hier gefiel sie auch recht gut; doch hatte es ihr von vornherein geschadet, daß ihr Vater3, der den Mund manchmal etwas voll nimmt, vor ihrem ersten Auftreten die Erwartungen zu hoch gespannt hatte. Unter Ihrer Leitung indeß, kann sie wohl noch etwas Tüchtiges werden. Bei uns ist jetzt die Babnigg Primadonna, die man eine lebende Klarinette nennen kann. Sie ist sehr musikalisch, singt rein und geschmackvoll und hat eine immense Fertigkeit, dabei eine so leichte Ansprache in den höchsten Lagen. Da jetzt Mangel an Sängern ist, spannt sie ihre Forderungen jetzt bis auf 4000 Thaler jährlich. Unsere Oper ist jetzt recht gut. Grüßen Sie doch gütigst Meyers herzlich von mir. Schreiben Sie mir bald recht ausführlich über Kunst und Politik und wiederholen Sie mir nochmals Ihr Versprechen, uns im nächsten Sommer zu besuchen. Herzliche Grüße an alle die lieben Ihrigen und sonstige Bekannte.
 
Wie immer
Ihr dankbarer Verehrer
A. Hesse.

Autor(en): Hesse, Adolph
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Babbnig, Emma
Dustmann-Meyer, Louise
Meyer, Friedrich August
Erwähnte Kompositionen:
Erwähnte Orte: Breslau
Kassel
Erwähnte Institutionen: Hoftheater <Kassel>
Stadttheater <Breslau>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1850012531

http://bit.ly/1Tha6Yl

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Spohr an Hesse, 19.11.1849. Spohr beantwortete diesen Brief am 21.02.1850.
 
[1] Noch nicht ermittelt.
 
[2] Marie Louise Meyer, später verh. Dustmann.
 
[3] Friedrich August Meyer.
 
Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (19.04.2016).