Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.1 <18491119>
Druck 1: Herfried Homburg, „Politische Äußerungen Louis Spohrs. Ein Beitrag zur Opposition Kasseler Künstler während der kurhessischen Verfassungskämpfe“, in: Zeitschrift des Vereins für Hessische Geschichte und Landeskunde 75/76 (1964/65), S. 545-568, hier S. 562 (teilweise)
Druck 2: Simon Moser, Das Liedschaffen Louis Spohrs. Studien, Kataloge, Analysen, Wertungen. Ein Beitrag zur Entwicklungsgeschichte des Kunstliedes, Kassel 2005, Bd. 1, S. 72 (teilweise)

Sr. Wohlgeb.
Herrn Musikdirector und
Oberorganist A. Hesse
Breslau.
 
frei.
 
 
Cassel den 19ten
Nov. 1849.
 
Geehrter Freund,
 
Es war mir eine rechte Freude, Nachrichten von Ihnen zu erhalten, denn bey der Heftigkeit und langen Dauer, mit der die Cholera in Breslau wüthete, war ich nicht ohne Besorgniß um Sie. Dem Himmel sey dank, daß Sie an Ihrem Hause vorgübergegangen ist. Hier sind wir, bey ihrem 2ten Besuch in Europa, ganz verschont geblieben.
Bleibe ich gesund, so komme ich im nächsten Sommer ganz bestimmt nach Breslau. Dann werde ich Ihnen alle meine neuen Kompositionen zu hören geben. Seit der Rückreise von Carlsbad ist ein neues Claviertrio (das 5te,) dazu gekommen. Auch 3 Lieder für zwei Soprane habe ich kürzlich geschrieben. Die letzten, im Stich erschienenen Kompositionen (hier bey Luckhard) sind, 4tes Doppelquartett, ein Sextett für 2 Violinen, 2 Violen und 2 Violoncell und ein neues Quartett (das 31ste.) Jetzt bin ich, so lange wie es dauert, wieder zu der Biografie zurückgekehrt und bis zur italienischen Reise fortgeschritten. Im Ganzen komme ich jedoch wenig zur Arbeit, da meine Theatergeschäfte, die Schüler und meine, leider sehr ausgebreitete Correspondenz fast ganz meine Zeit in Anspruch nehmen. Nun haben überdies unsere Musikparthien wieder begonnen, da muß dann auch die Geige damit ich nicht zu sehr von meinen Schülern verdunkelt werde, dann und wann aus dem Kasten genommen werden. Drei von meinen Schülern sind jetzt der Kapelle einverleibt worden, Kömpel, Tivendel und Zeiss und wir haben nun wieder 8 tüchtige, erste Geiger. Da nun auch der neue Concertmeister Bott ein vortrefflicher Vorgeiger ist, die Contrabässe jetzt besser besetzt sind wie früher, so geht unsere Musik sehr gut und ich glaube, es kann unser Orchester es jetzt mit allen andern deutschen aufnehmen.
Am vorigen Mittwoch, wo unsere Abonementsconerte begannen, hatte ich große Freude daran, denn es wurden sämtliche Orchesterwerke in höchster Präzision executirt. Wir gaben in diesem ersten Concerte meine 3te Sinfonie, das Violinconcert von Mendelssohn, Arie aus Don Juan, den Jessonda-Potpourri von mir und „die Walpurgisnacht“ von Mendelssohn.
Das ganze Concert, vom Anfang bis zum Ende erregte großen Enthusiasmus. Die Violinsachen spielte Kömpel ganz vortrefflich. Mit ihm, Bott und Knoop habe ich jetzt ein Quartett, wie es wohl wenige in Deutschland gibt. – Die Walpurgisnacht ist ein originelles Werk und von überraschender Wirkung. Es will aber mit dem Chor und dem Orchester tüchtig eingeübt seyn.
Unser Theaterchor ist, seit der neue und fleißige Musikdirektor Fischer ihn einübt, auch besser geworden, doch steht er den Solosängern und dem Orchester noch immer sehr nach, und es wird wohl nie gelingen, ihn zu sehr feiner Ausbildung zu bringen. Ich lasse daher in unsern Aufführungen von Oratorien und Cantaten auch blos unsere Dilettanten der hiesigen Vereine singen, und scheue keine Mühe um ihnen die Sachen einzuüben. Am Ende, nach vielen Proben geht es dann doch gut, und der Sinn für gute Musik wird immer mehr unter ihnen und ihren Familien verbreitet.
Mit der Einigung Deutschlands steht es jetzt so schlecht, daß man leider gar nicht lieber gar nicht davon redet. Zum Glück steht es mit der Freiheit besser! Wenigstens hier in Hessen haben wir so viel errungen, daß unsere Sorge nur darauf gerichtet zu werden braucht, es zu erhalten. — Bis ich zu Ihnen komme, muß sich das Geschick Deutschlands entschieden haben! Dann nämlich das weitere.
An Herrn Körte unsere herzlichsten Grüße.
Mit wahrer Freundschaft stets ganz
 
der Ihrige
Louis Spohr
 
NS. Sagen Sie doch Herrn Musikd. Seidelmann, ich hätte mich für die Annahme seiner Oper nach Kräften verwandt; wolle aber nicht daran, weil das Sujet als Schauspiel hier oft gegeben ist, auch noch fortwährend gegeben wird. Das Buch, das er mir zur Ansicht geschickt habe, werde ich, wenn er es nicht früher zu haben wünscht, selbst mit nach Breslau bringen.



Dieser Brief ist die Antwort auf Hesse an Spohr, 05.11.1849. Hesse beantwortete diesen Brief am 25.01.1850.
 
Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (19.04.2016).