Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Hochzuverehrender Herr Generalmusikdirector!

Ist es mir auch auf keine andere Weise vergönnt zu der Feier Ihres 50 jährigen musikalischen Wirkens beizutragen, so möchte ich doch in einfachen schlichten Worten, die mir die innigste Hochachtung und herzlichste Theilnahme eingeben, Ihnen meinen Glückwunsch senden.
Wohl Jeder, der einen solchen Zeitraum durchlebt und in demselben gewirkt hat, denkt mit Freuden und Rührung über das Vollbrachte und Erlebte zurück und der engere Kreis der ihm Nahestehenden feiert froh mit ihm ein solches Fest.
Aber wie ganz anders bewegt das Jubelfest eines Mannes die Gemüther, der in den erhabensten und rührendsten Klängen der Menschheit Gaben gegeben hat, die die Zeit nicht vernichtet und woran sich von Geschlecht zu Geschlecht ihre Kinder erfreuen und erbauen!
Möchte Sie, hochverehrter Jubilar, heute dieses Bewußtsein mit hoher Freude erfüllen und der Dank für die schöne Gottesgabe, die Ihnen zu Theil geworden, mit den Segenswünschen derer, die Sie beglückten, vereint zum Himmel steigen! Möchte ein froher und friedlicher Lebensabend die Tage des rastlosen Strebens und des uneigennützigen Wirkens belohnen! Das sind die tiefgefühlten Worte eines Verehrers, der so oft Beweise Ihrer Güte und Gewogenheit sich zu erfreuen hatte und der immer den herzlichsten Antheil an Ihrem fernern Ergehen nehmen wird.
Wenn ich nun schließlich noch einiges von mir selbst berichte, so geschieht es nur, Ihnen zugleich Beweise zu geben, daß ich auch in letzterer Zeit nicht müßig gewesen bin.
Für die Orgel sind nämlich verschiedene Sammlungen entstanden, unter welchen ich besonders erwähne: Die wohltemperirte Orgel, op. 58, Präludien und Fugen aus allen Tonarten enthaltend und 91 Folioseiten stark. Für den hiesigen sich immer mehr hebenden Singverein entstand in neuester Zeit und unter Benutzung Ihrer frühern freundlichen Winke und Belehrungen ein zweites Oratorium, Namens: Hiob, op. 60, wovon die Partitur 248 Folioseiten lang ist. – Dasselbe ist von den Mitgliedern mit Lust und Liebe eingeübt und mit Beifall aufgenommen worden, aber bislang wegen Mangel an Orchesterbegleitung (die Militär Musikchöre wurden fortwährend versetzt) noch nicht öffentlich aufgeführt.1
Da in Hannover und Braunschweig die Singacademien eingegangen und mithin die Oratorien Aufführungen jetzt aufgehört haben, hat sich mein Freund, der Conzertmeister Franzen in Oldenburg, der mich vor einigen Tagen auf seiner Durchreise besuchte, bereitwillig gezeigt, den Hiob dort zur Aufführung bringen zu wollen.
Doch ist vor Allem mein größter Wunsch über dasselbe Ihr Urtheil zu hören und vielleicht dürfte später eine dazu günstige Mußezeit bei Ihnen eintreten, in welcher ich Ihnen die Partitur einzuschicken mir erlauben dürfte.

Mit ausgezeichneter Hochachtung verharrend
empfehle ich mich Ihnen zu fernerm Wohlwollen
als
Ihr
ganz ergebenster
H.W. Stolze.

Celle,
d. 26 Jul. 1849.

Autor(en): Stolze, Heinrich Wilhelm
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Franzen, Karl
Erwähnte Kompositionen: Stolze, Heinrich Wilhelm : Hiob
Stolze, Heinrich Wilhelm : Die wohltemperierte Orgel, op. 58
Erwähnte Orte:
Erwähnte Institutionen: Gesangverein <Hannover>
Singakademie <Braunschweig>
Singverein <Celle>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1849072644

http://bit.ly/3ggNuZx

Spohr



Der letzte belegte Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Stolze, April 1842. Spohrs Antwortbrief vom 22.11.1849 ist derzeit verschollen.

[1] Die erste öffentliche Aufführung fand erst am 01.11.1850 in Celle statt (vgl. „Heinrich Wilhelm Stolze“, in: Galerie berühmter Pädagogen, verdienter Schulmänner, Jugend und Volksschriftsteller und Componisten aus der Gegenwart in Biographien und biographischen Skizzen, hrsg. v. Joh[ann] Bapt[ist] Heindl, Bd. 2, München 1859, S. 496ff., hier S. 497; Stolze an Spohr, 04.04.1854).

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Wolfram Boder (22.04.2020).