Autograf: ehemals Privatbesitz Dr. Ernst Hauptmann in Kassel, vermutlich 1943 Kriegsverlust
Druck: Moritz Hauptmann, Briefe von Moritz Hauptmann, Kantor und Musikdirektor an der Thomasschule zu Leipzig an Ludwig Spohr und Andere, hrsg. v. Ferdinand Hiller, Leipzig 1876, S. 34f. (teilweise)

Salzbrunn, den 1. Juni 1849.

Lieber Herr Kapellmeister.

Die Zeit Ihres Aufenthaltes in Leipzig war dieses Mal gar zu kurz und alles zu sehr zusammengedrängt und eilig, aber es war doch wieder 'mal eine Freude Sie überhaupt wiederzusehn und so wohl zu sehen und Ihre neuesten Sachen von Ihnen selbst hören zu können; ich hätte so sehr gewünscht, das Quartett noch einmal zu hören, welches mir bei X.1 außerordentlich gefiel. Man bekommt doch erst bei dem Wiederhören der Musik, wenn man sie nicht mehr als Novität aufzunehmen hat, den vollen künstlerisch musikalischen Eindruck, wenigstens geht es mir so. So war mir‘s auch bei dem Doppelquartett, bei dem ich das erste Mal zu sehr mit dem Zusammenfassen des Einzelnen beschäftigt wurde. Das wird in diesem letzteren auch mehr beschäftigen als bei Ihren früheren, die am zweiten Quartett mehr einen ruhigen Hintergrund haben, auf welchem das erste, als das hauptsächlich wortführende, sich klarer hervorhebt. Dadurch, daß das Concertirende hier nur an vier Stimmen, nicht an acht vertheilt ist, erhalten diese auch mehr Continuität, wodurch das Verfolgen und Zusammenhören erleichtert wird. Mir war der Stil dieser Doppelquartette deßhalb immer viel künstlerisch klarer, als der des Mendelssohn'schen Octetts. Bei einer langen Vielheit von Stimmen gehört doch der Gegensatz der Blas- und Saiteninstrumente und fast eben so nothwendig der Sechszehnfußton des Basses, um dem Ganzen Haltung zu geben. Diesen vermißt man aber in der Behandlung Ihrer Doppelquartette nicht; wohl auch im letzten nicht, nur möchte ich dieses noch besser kennen um es bekannter anhören zu können.



Der letzte überlieferte Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Hauptmann, 05.06.1849. Der nächste überlieferte Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Hauptmann, 19.11.1849.
Der Druck datiert zwar auf den 01.06.1849. Da Hauptmann sich hier jedoch auf Spohrs Leipzig-Aufenthalt 20.-22.06.1849 bezieht, handelt es sich vermutlich um einen Transkriptionsfehler von Juli zu Juni.

[1] Offensichtlich bei Henriette und Carl Voigt (vgl. Marianne Spohr, Tagebucheintrag 21.06.1849).

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (20.01.2016).